- 29.07.2022, 22:00:17
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. Juli 2022 von Mario Zenhäusern "Der Wolf wird zum Wahlkampf-Thema"
Innsbruck (OTS) - Der Frust der Bauern und Schafzüchter ist
nachvollziehbar. Sie müssen hilflos zusehen, wie ihre Tiere auf den
Almen abgeschlachtet werden. Aber der Abschuss einzelner Wölfe löst
das grundsätzliche Problem nicht.
Seit Jahren kämpfen die Landwirte und Schafzüchter in Tirol darum, in
ihrem Kampf gegen die Wiederansiedelung von großen Beutegreifern – in
erster Linie geht es um den Wolf – von der Politik wahr- und auch
ernst genommen zu werden. Seit Jahren weisen sie darauf hin, dass sie
ihre Tiere auf den heimischen Almen nicht länger den Räubern zum Fraß
vorwerfen wollen. Und ebenfalls seit Jahren erklären sie
gebetsmühlenartig, dass herkömmliche Herdenschutzmaßnahmen, die in
anderen Regionen Österreichs und Europas erfolgreich praktiziert
werden, in Tirol aufgrund seiner topografischen Lage zum Scheitern
verurteilt sind. Beweise dafür gibt es zuhauf.
Die heimische Politik hat die dringenden Aufrufe, endlich zu handeln,
bisher lediglich registriert. Meistens spielten die
Regierungsvertreter den Ball mit einem achselzuckenden „Wir können
nichts tun“ weiter nach Wien und nach Brüssel. Und dort haben die
Tiroler Schafbauern bekanntlich keine Lobby. Jetzt aber kommt
Bewegung in die Sache. Die Landesregierung hat gestern einen
Abschussbescheid für jenen Wolf erlassen, der zuletzt in Ellbögen und
Tulfes mehr als drei Dutzend Schafe gerissen hat, und drängt auf
rasche Erledigung. Auch die Opposition im Tiroler Landtag stellt sich
hinter die Bauern und ihre Forderung nach wirksamen Maßnahmen.
Das plötzliche politische Engagement kommt nicht von ungefähr. Tirol
befindet sich im Wahlkampf, und alle Parteien rittern um die Gunst
der Wähler. Allen voran die ÖVP, der massive Verluste drohen und die
jetzt mit einem akzentuierteren Anti-Wolf-Kurs versucht, das verloren
gegangene Wohlwollen vieler Bauern zurückzugewinnen.
Es ist nachvollziehbar, dass die Schafzüchter ob der aktuellen
Situation frustriert sind. Sie müssen mehr oder weniger hilflos
zusehen, wie ihre meist mit großem Einsatz aufgezogenen Tiere auf den
Almen abgeschlachtet werden. Wen wundert’s, dass sie am liebsten
selbst zur Waffe greifen würden, um damit jeden Wolf zu erschießen?
Allerdings löst der Abschuss einzelner Tiere das grundsätzliche
Problem nicht. Der Großteil der in Tirol identifizierten Wölfe stammt
aus Italien, wo sich nach Angaben des Instituts für Umweltschutz und
Forschung (ISPRA) in Rom mittlerweile mehr als 3300 Wölfe aufhalten.
Jährlich kommen an die 300 Jungtiere dazu. Das ungehinderte Anwachsen
der italienischen Population führt zwangsläufig zu einer Ausweich-
und Wanderbewegung Richtung Norden und damit nach Tirol. Wer also das
für die Bauern inakzeptable Gemetzel auf den heimischen Almen beenden
will, muss in Italien ansetzen. Ein schwieriges bis unmögliches
Unterfangen.
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