Tiroler Tageszeitung. Leitartikel, Ausgabe vom 3. Dezember 2021. Von ALOIS Vahrner. "Von Höhenflügen und einem tiefen Fall".

Innsbruck (OTS) - Sebastian Kurz ist politisch Geschichte. Mit ihm geht eines der größten politischen Talente des Landes. Kurz hat für die ÖVP Triumphe gefeiert, aber er wurde den gerade auch von ihm selbst befeuerten hohen Erwartungen nicht gerecht.

Nach zehn Jahren ist Schluss: Sebas­tian Kurz wurde mit 25 jüngster Staatssekretär, mit 27 jüngster Außenminister, mit 31 jüngster Regierungschef, aber mit knapp 33 dann nach dem Ibiza-Skandal auch jüngster Altkanzler. Das wurde er dann heuer nach den Turbulenzen um die Chat-Affäre um seine ÖVP-Machtübernahme mit 35 bereits zum zweiten Mal.
Kurz legte eine in jeder Beziehung wohl beispiellose politische Karriere hin: Er übernahm die Volkspartei, als diese damals hinter FPÖ und SPÖ in Umfragen abgeschlagen auf Platz 3 lag. Er modelte die traditionell durch Länder- und Bündeinteressen so zerstrittene Partei ganz nach seinen Wünschen um, mit einer Machtfülle, die vorher noch kein VP-Chef auch nur annähernd innehatte. Sogar die Parteifarbe wurde von Schwarz auf Türkis umgefärbt. Kurz gefiel sich in der Rolle als „Polit-Wunderknabe“ und inszenierte auch die Treffen mit den ganz Großen dieser Welt. Unter Kurz kehrte die ÖVP auf die Siegerstraße zurück, sie gewann bei zwölf Wahlen in Serie dazu, neben neun Landtagswahlen auch die EU-Wahl und vor allem die zwei Nationalratswahlen. Dabei räumte Kurz sowohl die SPÖ als auch die FPÖ gehörig ab und holte für die ÖVP das Kanzleramt zurück. Dort schien er angesichts einer klaren Führung in Umfragen auf lange Zeit ungefährdet, zu Beginn der Corona-Pandemie schnellten die Werte kurzzeitig sogar in die Nähe einer absoluten Mehrheit. Manche bemühten da bereits Vergleiche mit Bruno Kreisky.
Was bleibt nach dem gestrigen Rückzug von der Ära Kurz? Es ist wohl ein sehr zwiespältiges Bild von einem politischen Ausnahmetalent, das sich und seine Partei in lichte Höhen katapultiert hat, um dann doch tief zu fallen. Ein wortgewandter Meister der Selbstinszenierung und Message Control, der bei seiner Politik (von den Steuern bis hin zur Zuwanderung) sehr oft mehrheitsfähig agiert hat. Das hat ihm auch viel Zuspruch beschert. Was abseits von Umfragen seine wirkliche Vision für das Land war, das blieb Kurz freilich schuldig. Ebenso wie viele Reformen (von der Verwaltung bis zu den Pensionen), die in Österreich von Regierung zu Regierung weitergeschoben werden. Kurz sprengte die Koalition mit der SPÖ, nach Ibiza die mit der FPÖ und jüngst mit der Chataffäre fast auch jene mit den Grünen. Was aber wohl am schwersten wiegt: Seine bei sehr vielen, auch bei Nicht-ÖVPlern, geweckte Hoffnung auf eine neue, saubere Politik hat Kurz nicht erfüllt, was bei den strafrechtlichen Ermittlungen auch immer herauskommt. Kurz hat seine großen Talente zu wenig genutzt, seine Karriere bleibt somit letztlich nicht mehr als eine Unvollendete.

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