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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Löschaktionen mit unsicherem Ergebnis", Ausgabe vom 13. November 2021 von Alois Vahrner.

Innsbruck (OTS) - Von wegen Ende der Pandemie: Wegen der sich zuspitzenden Corona-Lage ist jetzt politisch Feuer am Dach. Vor allem für Ungeimpfte kommen fast täglich neue Verschärfungen. Ob das aber ausreicht, ist leider fraglich.

Klarerweise sehnen sich in Öster­reich nach mittlerweile 21 Monaten Corona-Pandemie alle schon lange wieder nach echter Normalität abseits von Einschränkungen und immer neuen Negativmeldungen. Und wie schon im Vorjahr taumelte auch die Politik in einen zweiten Sommer trügerischer Unbekümmertheit. Obwohl die Impf-Zahlen schon spätestens ab Juli gegen null gingen, gab es zwar unzählige fruchtlose Appelle, sich impfen zu lassen, aber keinerlei Taten – weder erhöhten Druck (wie 3 G am Arbeitsplatz) noch Zuckerln wie Lotterien, Prämien usw. Der frühere Bundeskanzler Kurz erklärte die Pandemie noch im Juli praktisch für beendet. Corona werde dank Impfung zu einem „individuellen medizinischen Problem“, das aber „nicht mehr das Kollektiv der Gesellschaft erfassen und wie im letzten Jahr Furcht verbreiten“ werde. Dänemark schaffte wegen seiner hohen Impfquote alle Beschränkungen ab (und muss nun auch kehrtmachen), und auch in Deutschland wollte Gesundheits­minister Spahn einen „Freiheitstag“. Dass die Impfquote in Österreich zu gering war und dass es auch heuer wieder einen Herbst und Winter geben würde, kann jetzt beim besten Willen niemanden überrascht haben. Dazu kamen teilweise lasche 3-G-Prüfungen etwa bei Veranstaltungen oder in der Gastronomie sowie das Ende der vorher strikter praktizierten Abstands- und Hygiene­regeln – von Geimpften und Ungeimpften gleichermaßen. Aber die Impfung, und das hat zuletzt viele enttäuscht, ist wie bei der aktuellen Delta-Variante kein 100-prozentiger Schutz, wie die vielen Ansteckungen zeigen, und die Impf-Wirkung nimmt auch rascher ab als erhofft (Stichwort dritter Stich bereits nach sechs Monaten). Was laut den Experten aber bleibt: Covid-Ansteckungen sind seltener und, wenn es doch der Fall ist, die Krankheitsverläufe meistens deutlich milder.
Was man in den Sommermonaten verschlafen hat, versuchen der Bund und die Länder jetzt angesichts der immer massiveren vierten Corona-Welle notgedrungen nachzuholen: 2-G-Regel auf breiter Front, Lockdowns für Ungeimpfte oder Impf-Pflicht für besonders kritische Berufe wie in der Gesundheit. Die zu beobachtenden Spaltungstendenzen in der Gesellschaft werden mit dieser Art Zweiklassengesellschaft kaum kleiner werden. Es ist eine Art Not-Löschaktion, die angesichts der Rekord-Infektionszahlen sehr spät kommt. Möglicherweise aber auch schon zu spät, um nicht noch drastischere Eingriffe bis zu einem Lockdown für dann alle vornehmen zu müssen. Die deutsche Reisewarnung (noch können Geimpfte und Genesene reisen) ist mehr als nur ein Alarmsignal.

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