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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Vom Verschlafen und bösen Erwachen", von Alois Vahrner

Ausgabe vom Samstag, 6. November 2021

Innsbruck (OTS) - Von wegen Überwindung der Pandemie: Die Corona-Sorgen in der Wirtschaft, vor allem im Tourismus, und bei vielen Menschen werden immer größer. Die Politik versucht sehr spät, jetzt gegenzusteuern. Ob das reicht, bleibt offen.

Seit Wochen zeigt die Kurve nach oben, mit 9388 Corona-Neuinfektionen in Österreich wurde am Freitag der höchste Wert in diesem Jahr gemeldet. Und es ist wohl nur eine Frage weniger Tage, bis auch die bisherige Rekordmarke von 9586 (am 13. November 2020) übersprungen wird.
Es war richtig und wichtig, von den reinen Inzidenz-Zahlen (Neuinfizierte an sieben Tagen je 100.000 Einwohner) auf die eigentlich entscheidende Frage abzustellen: die Zahl der Corona-Patienten in den Spitälern und dort vor allem in den Intensivstationen. Hier ist die Lage – mit Betonung auf noch! – deutlich besser als vor einem Jahr. Momentan haben sich mehr Jüngere infiziert, und die Impfung wirkt. Wenngleich die Vakzine, wie sich anhand der Zahlen jüngst gezeigt hat, auch nicht zu 100 Prozent vor Infektionen schützen, in den meisten Fällen von Impf-Durchbrüchen gibt es deutlich mildere Verläufe. Es ist momentan sicher nicht nur, aber doch weit überwiegend eine Pandemie der Ungeimpften.
Nach dem ersten harten Corona-Lockdown ließ die Politik im Sommer 2020 die Zügel schleifen. Dann folgte ein nicht enden wollender, mehr als halbjähriger Dauer- Lockdown, dem auch die komplette Wintersaison zum Opfer gefallen ist. Die endgültige Wende sollte die Impfung bringen. Nach der jüngsten Entwicklung befürchten viele, dass das von der Politik mit der Impfung versprochene „Licht am Ende des Tunnels“ nur jenes vor der Einfahrt in den nächsten Tunnel gewesen sein könnte. Gerade im Tourismus, der 2020 wegen der außer Kontrolle geratenen Situation mit Grenzschließungen und Reisewarnungen konfrontiert war, schrillen die Alarmglocken. Eine 3-G-Regel (geimpft, genesen oder getestet) ist ohnehin schon passé, wohl bald auch 2,5 G
(nur PCR-Tests). Wenn auch für PCR-Getes­tete mehrtägige Quarantäneregelungen bei der Ein- oder Rückreise gelten würden, kann dies als undurchführbar abgehakt werden. Als Bestvariante gilt dann bereits 2 G, also Urlaube nur für Geimpfte und Genesene. Und auch hier gibt es Fragezeichen.
Es war von Anfang an klar, dass ein Ausweg ohne ständige Lockdowns nur über eine sehr hohe Impfquote führen wird. Und schon zur Jahresmitte war das Impf-Tempo völlig erlahmt. Die gebetsmühlenartigen Appelle der Politik verhallten wirkungslos. Erst jetzt, da es fast schon wieder zu spät ist, werden die Zügel angezogen – mit der 3-G-Regel im Betrieb, mit Testpflichten und drohenden Verschärfungen für Ungeimpfte. Den Vorwurf kann man den Regierungen im Bund und den Ländern nicht ersparen, dass sie auch den heurigen Sommer wieder verschlafen haben.

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