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Leitartikel "Das Erinnern gegenwärtig machen" vom 2. November 2021 von Peter Nindler

Innsbruck (OTS) - Je weniger Zeitzeugen noch leben, desto wichtiger wird Erinnerungskultur als politisches Bekenntnis: Das Land Tirol stellt
sich mit Forschungsschwerpunkten seiner Geschichte während der Nazi-Herrschaft. Denn vieles war auch bei uns Teil davon.

Von Peter Nindler
Erinnerungskultur ist Haltung. Weil sie dort in die Tiefe geht, wo eine jahrzehntelange träge Oberflächlichkeit die kritische Aufarbeitung verdrängt hat. Deshalb schmerzt die gewissenhafte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner Ideologie. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess standen die Spitzen des NS-Regimes vor Gericht, jene, die sich nicht durch Flucht oder Suizid ihrer Verfolgung entzogen haben. Aber verwurzelt in allen Lebensbereichen und verstärkt durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Eliten wurden Rassenwahn, Gesinnungsterror, industrialisierter Massenmord, Genozid und ein (Vernichtungs-)Krieg zum etablierten System.
Vielfach von außen angestoßen, allerdings verstärkt von innen heraus versuchen Tiroler Landtag und Landesregierung schon seit Jahren mit gezielten Schwerpunkten die verästelte Nazi-Ideologie in Traditionsverbänden und Volkskultur wissenschaftlich zu durchleuchten. Jetzt wird ein Blick auf die Geschichte der Chorlandschaft geworfen. Gleichzeitig finanziert das Land das Forschungsprojekt „Deserteure der Wehrmacht“ der Universität Innsbruck, um das niedergehaltene Schicksal der Deserteure ebenfalls sichtbar zu machen.
Die historische Aufarbeitung des Tiroler Schützenwesens während der NS-Zeit in Österreich zwischen 1938 und 1945 bzw. der Umgang damit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde allgemein zur wichtigen Richtschnur. Denn die Schützen waren Spiegelbild der Gesellschaft, wurden nicht verboten, sondern für Propagandazwecke gefördert – freilich dafür auch missbraucht. „Was diese Zeit angeht, haben die Schützen zwar keine Leichen im Keller, es war aber auch nicht sehr glorreich, wie die Schützen mit den Nazi-Propagandis­ten mitgelaufen sind“, knüpft der Historiker Michael Forcher ein zeithistorisches Muster.
Nicht zu verdrängen und zu vergessen – nichts macht auch die Mittäterschaft deutlicher als das Judenpogrom in der Nacht von 9. auf 10. November 1938. Drei jüdische Mitbürger wurden in Innsbruck ermordet, mehrere schwer verletzt und einer starb an den Folgen der Gewalt. Politik und Diözese Innsbruck – der unvergessene Bischof Reinhold Stecher war einer der Wegbereiter für die Wiedererrichtung der Synagoge – haben jedoch die Verantwortung für die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht. Die Menora am Innsbrucker Landhausplatz ist ein öffentliches Zeichen des Erinnerns und des Nicht-Vergessens. Und mit „ProMemoria Auschwitz – Reise der Erinnerung“ wird es Tiroler Jugendlichen ermöglicht, sich mit der NS-Zeit und dem Holocaust aktiv sowie gemeinsam auseinanderzusetzen.
Je weniger Zeitzeugen noch leben, desto wichtiger wird heute die Erinnerungskultur als politisches Bekenntnis.

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