Leitartikel "Trügerische Ruhe" vom 28. Oktober 2021 von Mario Zenhäusern

Innsbruck (OTS) - Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt, die Lage in den Spitälern ist noch stabil. Aber die Experten befürchten auch hier einen Anstieg. Damit das nicht eintritt, muss die Einhaltung der vorliegenden Regeln rigoros kontrolliert werden.

Von Mario Zenhäusern
Zur Erinnerung: Vor einem Jahr, am 28. Oktober 2020, lag die österreich­weite Sieben-Tage-Inzidenz bei 214, pro Tag wurden damals mehr als 3400 Neuinfektionen gemeldet. Die Regierung verhängte in der Folge ab November einen so genannten „Lockdown light“, der am 16. November nahtlos in einen harten Lockdown überging. Gleichzeitig reagierten die Nachbarstaaten und erklärten Österreich zum Risikogebiet, Deutschland sperrte gar die Grenzen zu Tirol.
Ein Jahr und mehr als elf Millionen verabreichte Impfdosen später liegt die Inzidenz bei 281, die Zahl der gestern gemeldeten Neuinfektionen beträgt 4261. Der große Unterschied zum Vorjahr ist, dass die Situation in den Krankenhäusern und vor allem auf den Intensivstationen stabil ist. Das ist für die überwiegende Mehrheit ein faktenbasierter Beweis dafür, dass die Impfung wirkt und in den meisten Fällen schwere Krankheitsverläufe verhindert. Aber die relative Ruhe ist trügerisch, weil die Corona-Pandemie, anders als von der Regierungsspitze vollmundig verkündet, noch lange nicht besiegt ist. Das verhindert die im internationalen Vergleich immer noch zu geringe Durchimpfungsrate. Die Experten des Prognosekonsortiums jedenfalls warnten gestern, dass die Zahlen auch auf den Intensivstationen bald steigen und in einzelnen Bundesländern sogar kritische Werte erreichen könnten.
Regierung und Landeshauptleute reagierten am vergangenen Freitag mit einer Erweiterung des Stufenplans auf die zuletzt rasant steigenden Infektionszahlen. Abhängig von der Belegung der Intensivbetten sollen die Regeln vor allem für Ungeimpfte verschärft werden. Einzelne Bundesländer legten nach, verschärften die Corona-Maßnahmen nach eigenem Gutdünken. Der dadurch entstehende Fleckerlteppich ist zwar ärgerlich und unübersichtlich, aber definitiv das kleinere Übel als eine generelle Ausweitung der Einschränkungen. Die mit 1. November in Kraft tretende 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz dürfte ein Übriges tun, um zumindest einen Teil der Zögerlichen zur Impfung zu motivieren.
Die von den Regierungen in Bund und Ländern verordneten Maßnahmen sollen im Zusammenspiel mit der zwar (viel zu) langsamen, aber dennoch stetig fortschreitenden Durchimpfungsrate die drohende Überlastung des Gesundheitssystems, vor der die Experten wie vor einem Jahr warnen, verhindern. Damit das gelingt und die düs­teren Prognosen nicht eintreten, muss die Einhaltung dieser Regeln rigoros kontrolliert werden. Gerade in diesem Punkt ist hierzulande noch viel Luft nach oben.

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