Gaál/Hohenberger: Wiener Gemeindebau nach Marie Jahoda benannt

Ehrung für große Wissenschaftlerin und Mitautorin der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“

Wien (OTS) - Ab sofort trägt der Gemeindebau an der Ecke Kegelgasse/Seidlgasse im 3. Bezirk den Namen der österreichischen Sozialpsychologin Marie Jahoda. Die offizielle Namensgebung des zwischen 1975 und 1977 nach den Plänen des Architekten Alfred Viktor Pal erbauten Gemeindebaus mit 36 Wohnungen fand im Beisein von Gemeinderat Marcus Schober, Bezirksvorsteher Erich Hohenberger und Wiener Wohnen Direktorin Karin Ramser statt.

„Mit der Hofbenennung nach Marie Jahoda würdigen wir das Leben und Schaffen einer ganz großen Tochter der Stadt. Ihre Biografie als bahnbrechende Sozialpsychologin, Widerstandskämpferin und Wissenschafterin kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihr Wirken war wegweisend für Generationen von jungen Frauen. Ihre Forschung zu den Themen Arbeitslosigkeit, Familie oder Antisemitismus basierte auf den drängensten Problemen ihrer Zeit und hat auch heute noch ein hohes Maß an Aktualität. Durch diese Benennung wollen wir ein Zeichen setzen, um ihr Lebenswerk in bleibender Erinnerung zu behalten.“, so Vizebürgermeisterin und Frauen- und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál.

Erzwungene Flucht im Austrofaschismus

Marie Jahoda wurde am 26. Jänner 1907 in Wien geboren, hier studierte sie Psychologie und arbeitete ab den frühen 1930er-Jahren für das (von Otto Neurath gegründeten) Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum. Weltberühmt wurde Marie Jahoda durch ihre mit ihrem damaligen Mann Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel 1933 herausgegebene Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“, die die Auswirkungen langer Arbeitslosigkeit darstellt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

Bereits in der Schule hat sie sich in der Sozialdemokratie engagiert und war Mitte der 1920er-Jahre der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beigetreten. Während des austrofaschistischen Regimes war sie im Untergrund für die verbotenen Revolutionären Sozialisten tätig, wofür sie 1936 verhaftet und ein Jahr später mit der Auflage entlassen wurde, das Land innerhalb von 24 Stunden Österreich zu verlassen. Auch die Staatsbürgerschaft wurde ihr aberkannt.

Internationale Wissenschaftskarriere

Marie Jahoda ging nach London, wo sie unter anderem an der University of Cambridge forschte und sich auch hier bei den Sozialdemokraten engagierte. Nach dem Krieg reiste sie 1945 in die USA, um dort ihre Tochter nach langen Jahren der Trennung wiederzusehen. 1949 wurde sie an der New York University Professorin für Sozialpsychologie, kehrte 1958 nach Großbritannien zurück, wo sie 1965 als erste weibliche Professorin in der Geschichte der britischen Sozialwissenschaften mit dem Aufbau einer sozialpsychologischen Abteilung an der University of Sussex betraut wurde. Sie erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen im In- und Ausland, unter anderem 1993 das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Am 28. April 2001 verstarb Marie Jahoda in Keymer, West Sussex in Großbritannien.

„Marie Jahoda hat durch ihre Studien, besonders durch die „Arbeitslosen von Marienthal“ einen wesentlichen Beitrag zur Bewusstseinsbildung der Menschen beigetragen, was Arbeitslosigkeit wirklich bedeutet und welche Folgewirkungen sie nach sich zieht. Einen Gemeindebau als Vorzeigeprojekt in der Erfolgsgeschichte des roten Wiens nach ihr zu benennen, hätte ihr als Sozialistin wohl gefallen.“, betont Bezirksvorsteher Erich Hohenberger. (Schluss)

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