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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Die Welt am Wendepunkt", von Floo Weißmann

Ausgabe vom Mittwoch, 22. September 2021

Innsbruck (OTS) - Nach der pandemiebedingten Pause in der globalen Diplomatie steht die Welt vor enormen Herausforderungen. Bei der UNO-Generaldebatte haben Guterres und Biden eine Agenda und einen Tonfall vorgegeben.

UNO-Generalsekretär António Guterres hat sich nicht lang mit Höflichkeiten aufgehalten. „Ich bin hier, um Alarm zu schlagen: Die Welt muss aufwachen“, sagte er zum Auftakt der UNO-Generaldebatte gleich im ersten Satz. Und lieferte sodann eine schonungslose Analyse, woran die Welt krankt: von Klimawandel und Konflikten über die Kluft zwischen Geschlechtern, Reich und Arm, Jung und Alt bis zum Missbrauch von Daten. Er beklagte einen Mangel an Solidarität und politischem Willen. Wer gehofft hatte, dass der kürzlich wiederbestellte Guterres in seiner zweiten Amtszeit deutlichere Worte findet, dürfte nicht enttäuscht worden sein.
Allerdings ist der Portugiese in seiner Funktion mehr Sekretär als General. Die Macht, etwas zu verändern, liegt bei den versammelten Exzellenzen im Sitzungssaal der Weltorganisation. Die Antwort kam wenig später vom amerikanischen Präsidenten, und sie fiel nicht weniger kraftvoll aus.
Joe Bidens erster Auftritt vor der UNO war mit Spannung erwartet worden. Würde er angesichts der innenpolitischen Probleme und der jüngsten Irritationen auf Amerikas Interessen pochen? Würde er China die Rute ins Fenster stellen? Er tat nichts davon – im Gegenteil: Der US-Präsident inszenierte sich als Kümmerer der Welt, der die entscheidenden Fragen für die Zukunft der Menschheit gemeinsam mit anderen beantworten will. Der Kontrast zu seinem Amtsvorgänger könnte kaum schärfer sein. Seitenhiebe gegen den Systemrivalen gab es nur indirekt – unter anderem in Bidens Betonung von Freiheit und Würde aller Menschen.
Natürlich ist Rhetorik das eine und Realpolitik das andere. Mit der Rede allein wird Biden kaum genug getan haben, um die Zweifel an seiner Verlässlichkeit zu beseitigen. Aber nach einer Phase, in der die globale Diplomatie wegen der Pandemie beinahe zum Erliegen gekommen ist, braucht die Welt neue Impulse. Guterres und Biden haben dafür zu Beginn der diesjährigen Generaldebatte eine Agenda, einen Tonfall und ein Gefühl der Dringlichkeit vorgegeben. Schon in den kommenden Wochen und Monaten müssen die Exzellenzen liefern. Zunächst einmal muss die Pandemie überall und für alle enden, wie dieser Tage bei der UNO in New York gebetsmühlenartig wiederholt wird. Das bedeutet vor allem Impfstofflieferungen an die ärmeren Länder. Und schon im November geht es beim Klimagipfel in Glasgow um die nächs­te existenzielle Bedrohung der Menschheit. Auf die Rückkehr der Diplomaten nach New York folgt jetzt das, was Guterres den „Moment der Wahrheit“ genannt hat.

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