TIROLER TAGESZEITUNG, Leiter: "Wachsamkeit trifft Wohlfühlmessage"

von Carmen Baumgartner-Pötz, Ausgabe vom Freitag, 2. Juli 2021

Innsbruck (OTS) - Lockern und nachschärfen gleichzeitig im zweiten Pandemiesommer: Ja, das geht und kann sinnvoll sein, wenn man angesichts von Delta auf der sicheren Seite bleiben will. Auch wenn das die allgemeine Gechilltheit stören mag.

Bevor heute die Wiener Schülerinnen und Schüler in die Sommerferien entlassen werden, heißt es für sie noch ein letztes Mal ab zum Coronatest. Anders als die ausgegebenen Zeugnisse verlieren die berühmt-berüchtigten Ninja-Pässe aber Sonntagfrüh ihre Gültigkeit. Das heißt, Sechs- bis Zwölfjährige, die in der Bundeshauptstadt ins Schwimmbad, in die Sommerbetreung oder in ein Gasthaus wollen, müssen sich testen lassen, denn auch für sie gilt die 3-G-Regel. Das hat Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) zwei Tage vor Schulschluss relativ überraschend festgelegt und sich damit den Zorn der ÖVP zugezogen. Formulieren durfte das türkise Unverständnis die darin bereits routinierte Tourismusministerin Elisabeth Köstinger.
Die Interessen sind klar verteilt und höchst unterschiedlich:
Köstinger muss auf die Gastronomie/Hotellerie schauen und da ist alles, was den Konsum komplizierter macht, nicht geschäftsfördernd. Ludwig hingegen muss im Angesicht der unweigerlich heranmarschierenden Delta-Variante sicherstellen, dass die Situation in der Millionenstadt Wien nicht entgleist. Und wie schnell niedrige Inzidenzen steigen können, haben auch alle Hobby-Virologen mittlerweile gelernt. Außerdem ist Wien anders gestrickt als das weite Land: Dichteres Zusammenleben trifft auf extrem niederschwelliges Testangebot. Gratis ausgegebene PCR-Gurgeltests für alle sind auch den noch nicht impfbaren Jungen und ihren Erziehungsberechtigten zumutbar. Ja, es ist lästig, alle 2–3 Tage testen zu müssen. Aber es dient dem Schutz der Allgemeinheit. „Die Pandemie ist für alle vorbei, die geimpft sind“, so hat es Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) diese Woche formuliert. Für alle unter 12 also definitiv nicht. Diese Bevölkerungsgruppe in den Sommerferien einfach gedanklich auszuklammern, als gäbe es weder Delta noch schwere Verläufe oder Long Covid unter Kindern, erscheint nicht rasend weitsichtig.
Freilich stört es die von türkiser Seite getrommelten Wohlfühlmessages von einem gechillten Sommer massiv, wenn Wien nachschärft. Dieser rote Regiefehler verpfuscht aus ÖVP-Sicht das Gesamtbild. Doch auf ein Déjà-vu der letztjährigen Entwicklung – im Juli entspannt, im Herbst überfordert – können alle verzichten. Der grüne Gesundheitsminister positioniert sich in der Gemengelage übrigens flexibel. Wolfgang Mückstein trägt Lockerungen mit und begrüßt gleichzeitig den strengeren Wiener Weg. Das mag verwirrend sein, ist aber der pandemischen Komplexität geschuldet, die kein Entweder-oder kennt.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001