TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 24. Juni 2021, von Michael Sprenger: "Farbe bekennen"

Innsbruck (OTS) - Der europäische Fußballverband UEFA nennt sich „eine politisch und religiös neutrale Organisation“. Deshalb lehnte er das Bestrahlen des EM-Stadions in München mit Regenbogenfarben ab – und schießt sich damit ein Eigentor.

Nein, es ist keinesfalls so, dass man ein besserer Mensch ist, wenn man auf dem Balkon seiner Wohnung eine Regenbogenfahne hisst. Aber man kann doch annehmen, dass die dortigen Bewohner der Überzeugung sind, dass Diskriminierung mit einer liberalen Demokratie nicht in Einklang zu bringen ist.
Und es entsteht nicht bloß dadurch eine bessere Welt, dass das EM-Fußballstadion in München in Regenbogenfarben erstrahlt. Der Münchner Oberbürgermeister wollte aber mit seinem Vorhaben ein Zeichen setzen. Und das wäre gut gewesen.
Doch der europäische Fußballverband UEFA lehnte dies ab und berief sich auf seine Statuten. Die UEFA nennt sich eine „politisch und religiös neutrale Organisation“, glaubt, dass es einen sauberen und unpolitischen Sport gibt.
Diese Argumentation ist schlichtweg töricht. Glaubt die an Skandalen nicht arme UEFA wirklich, dass es ihre Aufgabe ist, gegenüber Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung neutral aufzutreten? Der europäische Fußballverband ist verlogen zu nennen, wenn man sich vor Augen führt, dass die UEFA „Respect“ auf den Ärmeln der Spieler propagiert. Mit dieser Kampagne geben die Fußball-Gewaltigen vor, einen offenen und für jedermann zugänglichen Fußball zu ermöglichen. Man will sich so für Gleichstellung mit Blick auf ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, körperliche Leistungsfähigkeit und soziale Herkunft einsetzen. Sehr schön, aber ein Stadion mit Regenbogenfarben geht nicht. Weil man Fußball nicht mit Politik vermischen darf, wie jetzt der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán frohlockt. Seine illiberale Regierung betreibt eine Politik, die darauf abzielt, die Rechte von Minderheiten zu beschneiden. In der Vorwoche wurde vom ungarischen Parlament zudem ein Gesetz gebilligt, das die Informationsrechte von Jugendlichen im Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt. Gestern spielte Ungarn in München. Und die UEFA zuckt die Schultern, predigt Respekt und faselt von Neutralität. Was heißt dies alles für uns Fußballfans? Wir sollten nicht nur risikolos mit dem Finger auf autoritäre Staaten zeigen, Regenbogenfahnen auf Balkonen hissen, sondern den Mund aufmachen, wenn wir Diskriminierung, Rassismus und Homophobie wahrnehmen. Und zwar überall. Fußballer, die gegen Rassismus niederknien, Fußballkapitäne, die ihre Mannschaft aufs Feld führen und dabei eine Regenbogenbinde tragen, können uns helfen, Farbe zu bekennen – auch wenn es einmal nicht opportun erscheinen mag.

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