Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 17. Juni 2021. Von FLORIAN MADL. "Ein Torjubel und der Schrei nach Recht".

Innsbruck (OTS) - Marko Arnautovic erwies sich und dem ÖFB mit seiner Verbalinjurie beim Nordmazedonien-Spiel keinen guten Dienst. Doch bei aller Verwerflichkeit dieser Entgleisung muss man auch den Klägern ein Stück weit Kalkül unterstellen.

Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, meinte Anfang des 19. Jahrhunderts der preußische Heeresreformer Carl von Clausewitz in seiner Schriftensammlung „Vom Kriege“. Nun – das wird nicht zuletzt seit Olympia-Boykotten auf den Sport umgemünzt, mit der verbalen Entgleisung von Marko Arnautovic wurde diese Theorie um eine Episode reicher: Sport als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln eben.
Der in seiner Dimension und Wortgewalt verwerfliche Jubel lässt sich auch nicht durch die Emotion rechtfertigen, die diesem Gefühlsausbruch zu Grunde liegt. Die bloße Provokation eines Gegenspielers, der für dieses Verhalten weit über die Landesgrenzen hinaus bis hin zur Premier League bekannt ist, mag das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Aber der ÖFB-Teamspieler hätte wissen müssen, mit wem er es zu tun hat – so wie sein Gegenüber. Inwieweit wirklich xenophobes Verhalten vorlag oder der bloße Wunsch nach Erniedrigung, vermag wohl nicht einmal mehr der UEFA-Ermittler zu beurteilen. Die serbischen Wurzeln des Absenders und die albanischen des Adressaten sprachen jedenfalls nicht für eine Begnadigung, die ohnedies nicht erfolgte.
Von größerer Tragweite: die Reaktion des mazedonischen Verbands, der wohl nicht zuletzt mit dem Kalkül, eine Speerspitze des Aufstiegsrivalen aus dem Geschehen zu nehmen, einen Vorstoß in Sachen Ethik-Komitee unternahm. Ob beabsichtigt oder nicht: Plötzlich mengten sich politische Motive in eine Angelegenheit, die in ihrer ureigensten Sache das EM-Spiel zweier Außenseiter betraf. Plötzlich äußert sich eine offenbare nationalistisch gepolte serbische Internetplattform und gießt weiter Öl ins Feuer. Das ruft zwangsläufig die Opposition auf den Plan, und aus einer disziplinären Entgleisung erwächst binnen kürzester Zeit ein politisches Ereignis. Ein Schritt zurück ist angesichts der Emotionalität und der zweifelsohne vorliegenden Verschuldung nicht mehr möglich, der Verweis auf Fußball-übliche Usancen („Trash-Talk“) greift angesichts der Aussagen von Arnautovic vollkommen fehl.
Mit der Ein-Spiel-Sperre fällte der UEFA-Ermittler ein weitgehend salomonisches Urteil: Österreich verzichtet heute bei ohnehin relativ geringer Erfolgssaussicht gegen die Niederlande auf seinen Star-Stürmer, um diesen im voraussichtlichen Entscheidungsspiel gegen die Ukraine wieder aufbieten zu dürfen. Und Nordmazedoniens Argumentation wurde gefolgt. Recht zu sprechen hieße in diesem Fall niemals, allen recht zu tun.

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