Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 16. Juni 2021. Von PETER NINDLER. "Frag doch einfach mal die Maus".

Innsbruck (OTS) - Die EU und ihre Nationalstaaten inszenieren sich bei einheitlichen Corona-Reiseregelungen beinahe täglich. Politisch wird Bürgern leider etwas vorgegaukelt, was nationalstaatlich nicht hält. Deshalb: Wer reist, darf sich nicht auf die EU verlassen.

Nichts ist vergänglicher als die politische Inszenierung in der Corona-Krise. „Die EU-Staaten einigen sich auf gemeinsame Reisebedingungen“, hieß es Montagabend aus Brüssel. Zuvor wurde noch ein EU-weites Covid-Zertifikat („Grüner Pass“) zum Nachweis von Corona-Impfungen, -Tests und überstandenen Covid-19-Erkrankungen in Brüssel besiegelt. Und natürlich bejubelt. Dienstag wiederum hat sich Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) für eine europaweit einheitliche 3-G-Regelung (getestet, geimpft oder genesen) für das Reisen mit dem „Grünen Pass“ in der EU ausgesprochen. Was gilt jetzt? Viel widersprüchlicher geht es nicht mehr, wie sollen sich die 500 Millionen EU-Bürger da noch auskennen.
Denn eines verschwitzen die lieben Politiker in den Nationalstaaten und in Brüssel, wenn sie an den bevorstehenden Reisesommer denken und die Rückkehr zur Normalität vorgeben wollen. Normal ist eigentlich nichts, schließlich können die EU-Staaten die Kriterien für die Einreise weiterhin individuell festlegen. Corona hat nämlich die Grenzen innerhalb Europas hochgezogen, zugleich funktionierte weder die viel diskutierte Corona-Ampel in Österreich noch ihr Klon in der EU. Nicht zu vergessen die Schul-Ampel, die Österreichs türkis-grüne Regierung in einem Anfall von Über-Inszenierungseifer noch zum Drüberstreuen scharf geschaltet hatte.
Der Bund dürfte sich daran wohl verschluckt haben, weil rausgekommen ist bisher wenig bis gar nichts. So wie beim Reisen.
Je näher der Juli rückt, desto schwammiger präsentiert sich der Erkenntnisgewinn. Es wird viel gewollt, aber nichts konkretisiert. Von Griechenland bis Frankreich herrschen unterschiedliche Reiseregelungen. Ist man nach Corona einmal geimpft, reicht das zwar in Österreich aus, aber ist andernorts zu wenig. Dasselbe trifft auf die Corona-Tests zu. Die Antigenproben („nicht nachgewiesen“) erweisen sich nämlich bei der Einreise nach Griechenland im höchsten Maße negativ. Dort benötigt ein Nicht-Geimpfter bzw. -Genesener ausdrücklich einen PCR-Test.
So erinnert Europa bei der ohnehin mühseligen und durch viele Rückschläge holprigen Rückkehr zur Reise-Normalität an ein Versuchskaninchen. Jeder Staat experimentiert selbst herum, auf europäischer Ebene ist dann die Inszenierung mit leeren Händen der kleinste gemeinsame Nenner. Und die genervten Bürger? Ihnen muss man nach eineinhalb Jahren Corona und 50 Jahren Lach- und Sachgeschichten einfach nur raten: Frag doch mal die Maus. Oder: Wer reist, muss sich selbst informieren, weil der EU-Kompass nach wie vor rotiert. Aber das im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos.

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