Unterrichtsausschuss: Hearing zum Volksbegehren "Ethik für alle"

Debatte mit zahlreichen ExpertInnen über Ethik im Pflichtschulwesen

Wien (PK) - Mit dem Thema "Ethik für alle" beschäftigte sich der Unterrichtsausschuss am frühen Nachmittag im Rahmen des breit angelegten Hearings zum gleichlautenden Volksbegehren (772 d.B.). Darin wird die Einführung eines vom Religionsunterricht entkoppelten Ethikunterrichts an allen Schulen mit Öffentlichkeitsrecht gefordert. Ethik soll ein Pflichtfach für alle SchülerInnen von der ersten Schulstufe an werden. Als Mindestqualifikation für Ethiklehrende soll ein abgeschlossenes Ethik-Lehramtsstudium gelten, zudem sollen Lehrende nicht Ethik und zugleich Religion unterrichten dürfen. Weiters wurde ein eigenes Fachinspektorat gefordert.

Insgesamt 159.978 Menschen haben das Volksbegehren unterzeichnet. Den Abgeordneten standen heute sechs ExpertInnen zur Verfügung. Das Hearing stand im Lichte der am Montag dieser Woche verfassten Erklärung von Bildungsminister Heinz Faßmann und VertreterInnen der Religionsgemeinschaften, wonach im kommenden Schuljahr an den neunten Schulstufen der AHS und BMHS der verpflichtende Ethikunterricht für jene SchülerInnen startet, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Ethische Grundfragen sollen dann aber auch in den Religionslehrplänen dargestellt werden. Derzeit wird Ethik als Schulversuch für jene angeboten, die konfessionslos oder vom Religionsunterricht abgemeldet sind.

Kontroverse ExpertInnenmeinungen zu Ethikunterricht als verpflichtendes Schulfach

Die Einführung des Ethikunterrichts als Pflichtfach nur für jene SchülerInnen, die keinen Religionsunterricht besuchen, sei diskriminierend und aus pädagogischer und gesellschaftlicher Sicht nicht vertretbar. Nur ein gemeinsamer Ethikunterricht für alle SchülerInnen ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit könne "die Vielfalt in der österreichischen Gesellschaft widerspiegeln, das Gemeinsame betonen und einen wichtigen Beitrag zur Integration in Österreich, Leisten", wie Bevollmächtigter Eytan Reif argumentierte. Zudem könne nur ein seitens der Republik beaufsichtigter gemeinsamer Ethikunterricht sachlich und frei von ideologischer Einflussnahme stattfinden. Ethikunterricht sei zu wichtig, um den Partikularinteressen von Religionsgemeinschaften oder politischen Parteien zu unterliegen, argumentierte Reif.

Ethik komme allen SchülerInnen zu Gute, betonte auch Anton Bucher vom Institut für Religionspädagogik. Alle SchülerInnen hätten ein Recht auf gemeinsame Bildung, sagte er und forderte regelmäßigen Ethikunterricht ab der 1. Schulstufe. Bucher sprach sich dabei gegen eine Wahlmöglichkeit aus, zumal "keine Konkurrenz so groß ist, wie die von zwei Freistunden gegenüber Ethikunterricht". Auch Andreas Schnider aus dem Qualitätssicherungsrat für Pädagoginnen- und Pädagogenbildung hielt ein Plädoyer für Ethikunterricht und trat gegen eine Abwahlmöglichkeit ein. Unter der Voraussetzung klarer Qualitätsstandards nahm er alle Gesellschaftsgruppen in Verantwortung, wollte das Fach aber laufend evaluieren.

Einen kritischeren Standpunkt vertrat hingegen David Engels vom Instytut Zachodni. Er machte auf die anti-christliche Schlagseite von Ethik aufmerksam. Engels hob die hohe Symbolkraft einer möglichen Entscheidung von Ethik statt Religion hervor und befürchtete darin eine Schwächung der Religion. Engels warnte auch vor einer damit verbundenen Spaltung der Gesellschaft.

Die Bundesvorsitzende der Aktion kritischer SchülerInnen, Nina Mathies, ging mit den Plänen der Regierung hart ins Gericht. Dies sei der falsche Weg, sagte sie und kritisierte die über den Kopf der SchülerInnen hinweg getroffene Entscheidung. Die SchülerInnen würden sich für den Ethikunterricht aussprechen, so Mathies, der die Einführung ab der Sekundarstufe zu spät ist. Pro Ethikunterricht sprach sich auch Bettina Bussmann von der Universität Salzburg aus. Die per Video zugeschaltete Expertin unterstrich das erfolgreiche Konzept des Ethikunterrichts, der viele Fächer vereine, Schubladisierungen vermeide und Toleranz lehre.

Ethik beschäftige sich mit einer Vielfalt an Themen, unterstrich Anne Siegetsleitner vom Institut für Philosophie, die ebenfalls per Video zugeschaltet war, und trat dabei gegen eine Konkurrenz von Ethik und Religion ein. Ethik sei ein eigenständiges Fach, so die Expertin, Religion könne darin verwoben sein, Ethik sei aber nicht an Religion gebunden. Siegetsleitner sprach sich insbesondere für ein vollwertiges Ethik-Lehramtstudium aus.

Faßmann: Ethikunterricht ab Herbst in der Oberstufe

Neue Standards werden eingeführt, so Bildungsminister Heinz Faßmann erfreut über eine Lösung nach jahrzehntelange Diskussionen. Im Herbst werde Ethikunterricht in der Oberstufe starten, sagte er, dies soll anschließend Step by Step ausgebaut werden bis ausreichend qualifiziertes Lehrpersonal zur Verfügung stehe. Dieser werde die grundlegenden Fragen für ein gelingendes Leben thematisieren und auch in andere Fächer ausstrahlen. Ethik dürfe nicht indoktrinieren, unterstrich er. Faßmann wollte Ethik nicht als Konkurrenz sondern viel mehr als komplementär zur Religion sehen.

ÖVP: Stufenweiser Ausbau geplant

Ethik für alle ist wichtig, so der breite Tenor im Ausschuss. Die ÖVP bekannte sich sowohl zu Religion als Schulfach, als auch zu Ethikunterricht, der seit Jahren als erfolgreicher Schulversuch geführt werde, so Gertraud Salzmann, die sich für die Wahlfreiheit aussprach. Auch Rudolf Taschner (ÖVP) unterstrich, dass Ethikunterricht mit Religion gleichförmig angeboten werde und die Kooperation vor der Konkurrenz stehe.

Ethik sei ein eigenes Fach, das in andere Fächer ausstrahle, betonte Sybille Hamann (Grüne). Ethik für alle sei ein grundsätzliches Ziel. In einem ersten Schritt werde "Ethik für viele" ab der ersten Oberstufe ermöglicht. Dabei war Hamann die Qualitätssicherung ein wichtiges Anliegen. Mittels eines von ÖVP, Grünen und FPÖ angenommenen Entschließungsantrags setzte sie sich im Rahmen der stufenweisen Ausrollung des Ethikunterrichts für die Qualifizierung der Ethiklehrkräfte, die Einführung eines vollwertigen Lehramtsstudiums und die Ausarbeitung der Unterrichtsmaterialien ein.

Um Ethik für alle flächendeckend umzusetzen, brachten die SprecherInnen der SPÖ einen Abänderungsantrag ein, der jedoch keine Mehrheit fand. Petra Vorderwinkler war dabei ein Anliegen, dass ausreichend ausgebildetes Personal zur Verfügung stehe. Katharina Kucharowits äußerte ihr Unverständnis gegenüber der regelmäßig geäußerten Konkurrenz zwischen Ethik- und Religionsunterricht. Für Fraktionskollegen Klaus Köchl ist die im Zuge der Neuregelung geplante Ausschließung der Berufsschulen eine unfaire Schlechterstellung. Kritik an den Plänen der Regierung äußerte hingegen Martina Künsberg Sarre (NEOS). Auch sie warb für den Ethikunterricht für alle ab der 1. Schulstufe. Fraktionskollegin Fiona Fiedler war es ein Anliegen allen Kindern einen Ethikunterricht zu ermöglichen; nicht nur jenen ohne Bekenntnis.

Die FPÖ sprach sich hingegen für eine Beibehaltung von Ethik als Alternative zum Religionsunterricht aus und sah darin ausreichend Wahlfreiheit gegeben. Für die Freiheitlichen erklärte Hannes Amesbauer die Zustimmung zum Antrag der Regierungsparteien und befürwortete die Qualitätssicherung. (Schluss) gla


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