Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 7. Juni 2021. Von MANFRED MITTERWACHAUER. "Aufbruch zum Umbruch".

Innsbruck (OTS) - Die Bewältigung der Corona-Pandemie überschattet vieles. Tirol bildet da keine Ausnahme. Umso mehr braucht das Land neue Perspektiven für die Zukunft. Um darüber offen diskutieren zu können, müssten zuerst viele ihre Scheuklappen ablegen.

Weiter so wie bisher? Das muss die zentrale Frage sein, wenn das politische Tirol heute (bis Freitag) in die von Landeshauptmann Günther Platter (VP) und „seiner“ Lebensraum Tirol Holding unter Geschäftsführer Josef Margreiter initiierten „Perspektivenwoche“ startet. Die Antwort erübrigt sich freilich. Weil wir sie alle kennen: nein! So wie bisher kann es in vielen Bereichen nicht weitergehen. Die Zukunft Tirols gehört über- und letztlich neu gedacht.
Die Pandemie(-bekämpfung) hat vieles verändert und dominiert nach wie vor. Tun wir jetzt aber bitte nicht so, als ob die zentralen Probleme Tirols vor Corona nicht auch schon vorhanden gewesen wären. Als da wäre beispielsweise der sich zuspitzende Kampf zwischen touristischer Übererschließung und Natur- und Umweltschutz. Oder das seit vielen Jahren in der Nachspielzeit festhängende Match zwischen dem Duo Raumordnung/Grundverkehr und leistbarem Wohnen. Ein Schiedsrichter, der hier im Sinne der Bevölkerung endlich zum lange ersehnten Abpfiff ansetzt, ist nicht in Sicht. Beim Verkehr ist Tirol seit dem Auslaufen der Ökopunkte-Regelung 2003 de facto ein Notstandsgebiet. Corona hat uns die Schwächen unseres Status quo verstärkt ins Bewusstsein gerückt. Sind die Grenzen offen, kann der Tourismus seine Stärken ausspielen. Sind sie zu, ist er Tirols wirtschaftliche Achillesferse, um nur eine Pandemie-Erkenntnis zu nennen.
Qualität vor Quantität! Regionales vor Importiertem! Kommt am Ende dieser Perspektivenwoche unterm Strich nichts anderes heraus als die simple Fortschreibung von seit Jahren getrommelten, inhaltsleeren Stehsätzen, wird’s tatsächlich gefährlich. Wer dem Land nämlich Perspektiven aufzeigen will, muss endlich klare Handlungsaufträge benennen und realistische Ziele definieren. Und das weit über die Themen Tourismus, Gesundheit und Landwirtschaft hinaus. Ohne Scheuklappen. Und da, wo es bereits definierte Strategien gibt – Beispiel Tiroler Energieautonomie 2050 –, endlich ordentlich Gas geben.
Absoluter Gletscherschutz, Landeshauptmann-Direktwahl, Ende des Förderalismus in Krisenzeiten u. a.: Es gäbe vieles, über das es sich für die Zukunft zu diskutieren lohnen würde. Antworten auf brennende Fragen werden aber ohne einen Perspektivenwechsel nicht zu finden sein. Seine Sicht der Dinge ändern kann nämlich nur derjenige, der auch bereit ist, seinen Standort zu verändern. Ob das gelingt, wenn zum Großteil nur die Altvorderen ausrücken, um Tirol die (zukünftige) Welt zu erklären? Sie hatten ihre Chance, das Land zu verändern. Ihre teils aufgesetzt wirkende Aufbruchsstimmung kaufen ihnen viele nicht mehr ab.

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