TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Mehr Erdverbundenheit bitte", von Gabriele Starck

Ausgabe vom Montag, 31. Mai 2021

Innsbruck (OTS) - Die Pandemie hat die Chance eröffnet, die im vergangenen Jahr brachliegende Luftfahrt jetzt auf eine vernünftige, fairere und klimafreundlichere Art wiederzubeleben – mithilfe von Kostenwahrheit und neuen Kommunikationswegen.

Corona hat den Menschen Bodenhaftung aufgezwungen. Der Bewegungsradius hat sich reduziert und reichte zeitweise nicht einmal über die eigenen oder gemieteten vier Wände hinaus. Am Boden bleiben musste dadurch auch die Luftfahrtbranche – mit existenzbedrohenden Folgen für deren MitarbeiterInnen.
Jetzt steigt die Zahl der Covid-19-Geimpften stetig und mit den Grenzöffnungen nimmt auch die Mobilität wieder zu. Zunächst jene innerhalb Europas, irgendwann auch die globale. Die Wirtschaft muss wieder Gas geben, darüber herrscht Einigkeit. Weniger klar ist, inwieweit die Luftfahrt wieder abheben bzw. in alte Höhen steigen soll. Denn selbst wenn die Pandemie irgendwann überstanden sein wird, die Welt steckt schon lange in der nächsten und wohl viel weitreichenderen Krise – jener des Klimawandels.
Den international eingegangenen Verpflichtungen zur Verhinderung der weiteren Erderwärmung müssen einschneidende Konsequenzen folgen – jetzt. Das momentane Brachliegen der Fliegerei ist ein günstiger Zeitpunkt. Keineswegs, um sie am Boden zu halten. Vielmehr, um ihr endlich den Stellenwert zu geben, den sie unter fairen Wettbewerbsbedingungen hätte. Denn das Fliegen ist zu günstig, wird durch Steuerbefreiungen auf Kerosin und Tickets sogar subventioniert. Eine CO2-neutrale Bahnfahrt kann da preislich oft nicht mehr mithalten.
Um Flüge zu reduzieren, bringen Flugverbote, wie sie nun für Kurzstrecken unter einer gewissen Meilenzahl diskutiert werden, allerdings wenig. Auch weil sie manchmal zu kurz gedacht sind. Die TirolerInnen etwa profitieren davon, wenn so wenig Gäste wie möglich mit dem eigenen Auto anreisen bzw. durchs Land brausen, um in den Süden zu kommen. Das hilft dem globalen Klima wenig und der lokalen Luftqualität schon gar nicht.
Deshalb muss der Preis fürs Fliegen ein ehrlicher werden und zugleich die Bahn ausgebaut und ihre Nutzung interessant werden. Es sind selten zwei, drei oder gar mehr Flüge im Jahr wirklich notwendig. Die Pandemie hat die internationale Kommunikation nicht eingeschränkt, nur weil es nicht möglich war, für eine vierstündige Besprechung in die Konzernzentrale nach Madrid, New York oder Singapur zu fliegen. Der Wissenschaftsaustausch fand auch ohne Konferenzen in London, New York oder Johannesburg statt. Ja selbst in der Politik – Beispiel EU-Gipfel – waren die Streitereien über Video aufrechtzuerhalten. Die internationalen Geschäftsreisen werden wiederkommen, ebenso wie die Urlaubsflüge, aber auf den Vielfliegerbonus sollte niemand mehr setzen. Ein wenig Bodenhaftung tut ja doch gut.

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