TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 29. März 2021 von Peter Nindler "Hirn einschalten wirkt wie eine Impfung"

Innsbruck (OTS) - Cluster im Familien- und Freundeskreis sind Treiber des Infektionsgeschehens, (feuchtfröhliche) Zusammenkünfte deshalb Gift. Andererseits sollten die Menschen im öffentlichen Raum oder im Freien nicht stigmatisiert werden.

Von Peter Nindler
Moralisieren ist meist das Geschäft der Grünen. Schnappatmend zeigen sie gern mit dem politischen Zeigefinger auf andere, sollten Corona-Abstände einmal nicht eingehalten werden. Allerdings: Sie selbst sind auch nicht davor gefeit. Nach ihrer Klubklausur müssen sie jedenfalls Strafe zahlen. Zumindest waren die Grünen beschämt reumütig. Ob es lediglich ein ökologischer Hirn-aus-Kurzschluss war, ist hingegen zweitrangig.
Denn nachhaltiger wirkt da schon die Symbolik: Wenn sich schon die Politik nicht an die eigenen strikten Vorgaben hält, warum sollte es dann die breite Masse machen? Eigenverantwortung hat viel mit Vertrauen in die Entscheidungen der Regierenden zu tun. Das haben bereits einmal Tiroler ÖVP-Mandatare verbockt, als sie im Oktober die Sperrstunde in der Landtagskantine missachtet haben.
Um das aktuelle Infektionsgeschehen einzudämmen, benötigt es jedoch mehr denn je die Mithilfe der Bevölkerung. Kontakte zu minimieren sowie Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten, wirkt nach wie vor als effiziente Schutzimpfung gegen eine Ansteckung. Gerade familiäre Cluster sind weiterhin die größten Infektionstreiber. Feiern geht deshalb gar nicht, dadurch wird das Ansteckungsrisiko massiv erhöht. Jedes größere Zusammentreffen ist derzeit eines zu viel. Mit zum Teil gravierenden Folgen.
Natürlich sehnen sich die Menschen nach Kontakt und mehr persönlicher Freiheit. Sie sind müde und mürbe geworden, weil Perspektiven fehlen und die Politik es verlernt hat, die Bevölkerung mitzunehmen. Und weil manches auch verzerrt wird: Stellen sich die Menschen brav mit FFP2-Masken vor den Geschäften an, weil es dort eben Zutrittsbeschränkungen gibt, heißt es sofort, es bilden sich Schlangen. Halten sie sich in den Innenstädten oder auf Promenaden auf, droht ihnen ein profilierungsgetriebener Innsbrucker ÖVP-Vizebürgermeister geradewegs mit Platzsperren. Im Freien am Innufer zu sitzen, ist etwas anderes, als eine feuchtfröhliche Party im Keller zu feiern. Natürlich mit gebührendem Abstand.
Rigorose Strafen benötigt es dort, wo sich die Menschen keinen Deut mehr scheren, im öffentlichen Raum hingegen Ermahnungen und Hinweise. Aber keine Stigmatisierung. Die hatten wir schon zur Genüge in der Debatte über die Öffnung der Skigebiete.
Die Mobilität bleibt die größte Herausforderung in der Pandemie. Deshalb sind Corona-Partys so ärgerlich. Wird nämlich die Vernunft weggeworfen, kommen Ausgangsbeschränkungen unweigerlich als Bumerang zurück. Leider.

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