- 22.03.2021, 22:00:31
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 23. März 2021. Von WOLFGANG SABLATNIG. "Vertrauensverlust in der Warteschleife".
Innsbruck (OTS) - Verschärfungen und Erleichterungen der
Corona-Maßnahmen abhängig zu machen von der Situation in
Bundesländern und Bezirken macht Sinn. Sonst hat die Regierung aber
nicht viel zu bieten.
Der Spiegel titelt heute mit „Schimpf und Schande. Die neue deutsche
Unfähigkeit“. „Warum bekommen wir das Corona-Chaos nicht in den
Griff?“, fragen die Kollegen des Nachrichtenmagazins. Für uns in
Österreich ist dieser Aufmacher bestenfalls ein kleiner Trost: Auch
andere kommen nicht weiter und stolpern sogar in den nächsten
Lockdown.
Die Ernüchterung über die gestrigen Ankündigungen kann der Vergleich
aber nicht mindern. Es tut weh: weiter warten auf Gasthaus, Konzert
und Sport, weiter warten auf die Hotelöffnung. Nur Vorarlberg ist
anders. Gleichzeitig bleiben Fragezeichen: Warum hat die Regierung
vor dem Bund-Länder-Gipfel vor einer Zuspitzung auf den
Intensivstationen gewarnt, wenn das keine Folgen hat? Neu ist nur der
Blick auf die Bundesländer und Bezirke. Da sollen auf den Osten des
Landes auch strengere Regelung zukommen.
Regionalisierung? Wir erinnern uns an die Corona-Ampel, die in der
zweiten Welle unterging. Der zweite Anlauf ist dennoch ohne
Alternative: Einheitliche Regeln funktionieren nicht mehr. Zu gut
sind die Zahlen im Westen, zu alarmierend im Osten. Tirol und Kärnten
haben gezeigt, dass Maßnahmen in einzelnen Bezirken erfolgreich sein
können. Funktionieren kann dieses Konzept aber nur, wenn es nicht bei
der ersten Gelegenheit über den Haufen geworfen wird.
Damit sind wir beim Problem des gestrigen Bund-Länder-Gipfels: Ein
„Weiter wie bisher“ verheißt nichts Gutes. Eine Umfrage nach der
anderen zeigt, wie das Vertrauen in die Regierung und ihre Maßnahmen
sinkt. Gleichzeitig halten weniger Menschen die Beschränkungen ein.
Diese Beobachtung machen viele im Alltag. Sozialwissenschafter der
Uni Wien finden in den Umfragedaten für ihr „Corona Panel Project“
auch handfeste Belege dafür.
Anschober mag das Bild des Marathons, bei dem die letzten Kilometer
die schwierigsten sind. Jede und jeder Einzelne muss für sich
entscheiden, ob sie oder er die Corona-Regeln für plausibel hält.
Jeder hat es in der Hand, nach diesen Vorschriften zu leben – oder
eben nicht.
Starke Bilder unterstützen diese Entscheidung. Vor einem Jahr
schockierten die Bilder der italienischen Militär-Lkw, die Särge
abtransportierten.
Und jetzt? Statt Abschreckung würden wir uns positive Motivation
wünschen. Die Impfung bietet sich dafür an. Bisher ist ihre
flächendeckende Verfügbarkeit zwar nur ein Versprechen. Etwas
Besseres kann die Regierung aber nicht bieten.
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