Friedensnobelpreisträgerin Ebadi: „Es geht nicht darum, Widerstand gegen Männer zu leisten, sondern gegen patriarchale Strukturen“

Anwältin, Schriftstellerin und Menschrechtsaktivistin Shirin Ebadi im Gespräch mit Nadja Kayali über die Selbstbestimmung von Frauen und die Rolle der Frau im Integrationsprozess

Wien (OTS) - Über patriarchale Strukturen, die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen und die damit verbundenen Herausforderungen im Bereich der Integration sprachen am 4. März auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) die iranische Juristin Shirin Ebadi und Moderatorin Nadja Kayali (Ö1). Als Anwältin und Schriftstellerin sowie Irans erste Richterin hat sie sich in ihrem Heimatland und weit über dessen Grenzen hinaus aktiv für Frauenrechte eingesetzt. 2003 erhielt sie als erste muslimische Frau den Friedensnobelpreis, seit 2009 lebt sie aufgrund politischer Verfolgung im Heimatland im Exil in London.

Der Friedensnobelpreis wurde Ebadi für ihre Bemühungen verliehen, das Bewusstsein für Demokratie und Menschenrechte zu stärken. Wie prägend familiäre Strukturen im Zusammenhang mit Rollenbildern sind, veranschaulichte sie anhand ihrer eigenen Biografie: Sie wuchs in einer modernen muslimischen Familie im Iran auf und wurde dort unabhängig von traditionellen Geschlechterrollen gleich wie ihr Bruder erzogen und behandelt. Entsprechend gleichberechtigt war später auch die Beziehung zu ihrem Ehemann. Als Schlüsselmoment für ihren Einsatz für Gleichberechtigung und Gleichstellung sieht sie das Erstarken patriarchaler Strukturen in der iranischen Gesellschaft in den späten 1970ern: „Mit der Iranischen Revolution wurden neue Gesetze eingeführt, die die Wurzel des Patriarchats verstärkt haben und Frauen schlechter stellten. Das veranlasste mich dazu, mich für Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter einzusetzen.“

„Frauen müssen gleichberechtigten Zugang zur Bildung haben“

Um die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, brauche es die Stärkung und Förderung von Frauen und Mädchen in ihrer Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Frauen müssen die Möglichkeit haben, berufstätig und damit wirtschaftlich unabhängig zu sein: „Eine Frau, die im Alltag sogar bei alltäglichen Einkäufen von ihrem Mann abhängig ist, wird nie diese Selbstbestimmung verwirklichen können.“ Gesetzliche Regelungen sollen sicherstellen, dass Frauen und Mädchen gar nicht erst Gefahr laufen, ihrer Chancen beraubt zu werden, betont Ebadi: „Es ist die Aufgabe des Staates, den Zugang zur Bildung und zum Arbeitsmarkt für Frauen zu ermöglichen und zu erleichtern. Auch der Zugang zu Kindergartenplätzen mit geringen oder keinen Kosten ist wichtig.“

„Frauen müssen verinnerlichen, dass sie nicht weniger wert sind“

Patriarchale Gesellschaften seien vielfach von einer internalisierten Misogynie geprägt, deshalb müsse man Frauen aus solchen Gesellschaften in ihrem Selbstwert und im unabhängigen Denken stärken: „Sie müssen verinnerlichen, dass sie nicht weniger wert sind, als das andere Geschlecht. Es ist auch wichtig, dass Migrantinnen keine Erniedrigung erleben, weil sie aus Familien stammen, die von patriarchalen Strukturen geprägt sind. Die Akzeptanz und der Respekt müssen gewahrt werden, damit sie in der Gesellschaft als gleichwertige Mitglieder Fuß fassen können.“

„Islam ist nicht per se gegen die Frauen, es ist das Patriarchat, das gegen die Frauen ist“

Zu den Entwicklungen im Iran und der Rolle des Islam bei diesem Prozess betonte Ebadi: „Die Regierung hat sich bedauerlicherweise für eine der rückgängigsten Interpretationen des Islams entschieden.“ Die Trennung von Staat und Religion stelle sicher, dass eine Instrumentalisierung des Islam, die Stärkung patriarchaler Strukturen und die Willkür von Religionsführern verhindert wird: „Der Islam ist nicht per se gegen die Frauen, es ist das Patriarchat, das gegen die Frauen ist. Und es sind patriarchale Strukturen, die hier den Islam instrumentalisieren, um ihre Zwecke durchzusetzen.“ Es sei wichtig, das Bewusstsein zu schärfen, dass es nicht darum gehe, einer Religion blind zu folgen, sondern selbstständig zu denken und selbstständig zu glauben: „Wenn diese Frauen sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen, dann erkennen sie, dass unterschiedliche Interpretationen ihrer Religion möglich sind.“

„Männer, habt keine Angst vor der Unabhängigkeit eurer Frauen!“

Für Fortschritte brauche es auch die Männer, betont Ebadi: „Meine ersten Adressaten sind Männer, Väter und junge Männer. Ich möchte ihnen sagen: Habt keine Angst vor der Unabhängigkeit eurer Frauen, weder wirtschaftlich-finanziell als auch geistig-intellektuell. Es ist nicht erfüllend, neben einer geringgeschätzten Person zu leben; es ist wesentlich erfüllender, neben jemand Gleichgestelltem zu leben.“ An Frauen richtete sich die Juristin mit einer ebenso klaren Botschaft: „Es ist wichtig, dass ihr euch Wissen und Kenntnisse aneignet, das betrifft Regelungen und Möglichkeiten, die in jenem Land herrschen, in dem ihr lebt.“ Wenn man sich mit der Gesetzeslage auseinandersetze, wisse man, welche Rechte und welchen Schutz man genieße, dadurch sei man Willkür weniger ausgesetzt.


ÖIF-Veranstaltungen in voller Länge nachschauen

Der Österreichische Integrationsfonds lädt laufend Wissenschafter/innen, Autor/innen, Historiker/innen und Philosoph/innen zu Podiumsgesprächen und Lesungen ein, um aktuelle Entwicklungen in der Integration aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Zuletzt zu Gast waren etwa Migrationsforscher Ruud Koopmans, Philosoph Peter Sloterdijk und Journalistin Melisa Erkurt. Die Podiumsdiskussionen zum Nachsehen in voller Länge sind in der ÖIF-Mediathek unter www.integrationsfonds.at/mediathek abrufbar.

ÖIF-Schwerpunktmonat zur Stärkung und Förderung von Mädchen und Frauen

Der März steht beim ÖIF im Zeichen der Stärkung und Förderung von Mädchen und Frauen: Vom 1. bis 31. März bietet der ÖIF ein breit gefächertes Angebot an fachspezifischen Seminaren für Frauen, Männer und Multiplikator/innen, Integrationskursen, Podiumsdiskussionen mit Expert/innen sowie Onlineschulbesuche der Initiative ZUSAMMEN:ÖSTERREICH an. Eine Übersicht aller Angebote finden Sie hier: www.integrationsfonds.at/programm

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