TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Der Wirt macht es dem Virus leicht", Ausgabe vom 3. März 2021 von Gabriele Starck.

Innsbruck (OTS) - Das europäische Impfgeschehen zeigt die Ohnmacht gegenüber einem Virus, das den Menschen und seine Konstrukte austrickst. Träge Behördenapparate, Bürokratie, Unentschlossenheit und Alibiaktionen machen es ihm auch leicht.

Das heurige Jahr ist zum Vergessen – so wie das vergangene auch schon. Die Weltgesundheitsorganisation jedenfalls hat gestern die Hoffnung, SARS-CoV-2 bis Ende 2021 unter Kontrolle zu bekommen, als unrealistisch abge­hakt. Noch immer hat der Erreger ein viel zu leichtes Spiel, und das, weil sich sein Wirt – auch und vor allem in Europa – derart anstellt. Der Wirt, das ist in diesem Fall die Spezies Mensch – zum einen das Individuum, das allmählich bzw. schon lange auf Kontaktbeschränkungen oder Hygieneregeln pfeift, zum anderen aber die von der Gesellschaft geschaffenen Organe, die Wohl und Schutz ebendieser zur Aufgabe haben: EU, Bund, Länder und Gemeinden. Doch diese taumeln seit Monaten zwischen bürokratischer Überregulierung und anarchischen Reaktionen hin und her – vor allem, wenn es ums Impfen geht.
Allen voran die Europäische Kommission. Die Idee der EU-weiten Impfstoffbeschaffung durch die mächtige Brüsseler Behörde war eine hehre, die Umsetzung eine horrible. Die Macht mag für niedrige Preise gereicht haben. Aber nicht dafür, eine rasche und verlässliche Versorgung mit Impfstoff sicherzustellen – zu träge der Apparat, zu überheblich die Herangehensweise.
Die nationalen Reaktionen darauf – so bastelt etwa Italien an einem eigenen Vakzin, Österreich und Dänemark wollen mit Impfweltmeister Israel kooperieren – sind letztlich nur Alibihandlungen, weil dies weder jetzt noch in den kommenden Monaten die Lage verbessert. Und danach gibt es ohnehin mehr, angepassten und neuen Impfstoff. Dafür aber lenkt es von eigenen Fehlern ab: Spät erst begannen die Impfvorbereitungen, holprig war der Impfstart – zu träge der Apparat, zu überheblich die Herangehensweise.
Also übernahmen die Länder das Ruder. Und nun lagern Tausende Impfdosen ungenutzt in den Kühlschränken. Zwischen 9 Prozent der gelieferten Dosen in Kärnten und 24 Prozent in Salzburg sind es – zu träge der Apparat. Um die Bestände abzubauen, haben Wien und Niederösterreich damit begonnen, Lehrkräfte – auch gesunde, 25- bis 40-jährige – zu impfen. Das wäre durchaus sinnvoll, wenn feststünde, dass die Impfung die Weitergabe des Virus verhindert, nur: Das steht nicht fest.
Wenn das System strauchelt, bleibt der Ball wieder beim Individuum. So wird noch lange jeder Einzelne dafür verantwortlich sein, Risikopersonen für Hospitalisierung und Tod – dazu gehört man schon ab 55 – zu schützen, indem man menschliche Kontakte meidet. Es ist zum Vergessen.

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