TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 22. Dezember 2020, von Irene Rapp: "Die Natur muss jetzt herhalten"

Innsbruck (OTS) - Was sich im Sommer bereits abgezeichnet hat, setzt sich im Winter fort: Im Erholungsraum Natur suchen Tausende Abstand zu einem Virus und den dadurch bedingten Beschränkungen. Die negativen Begleiterscheinungen gibt’s inklusive.

Es ist ja nicht so, dass man in Tirol erstmals vor dem Problem stünde, dass die Natur und die Berge von Erholungssuchenden – und die Rede ist nicht nur von Touristen – gestürmt werden. Und nicht zum ersten Mal hat man von verschiedensten Seiten darauf recht gut reagiert. Als etwa vor über zehn Jahren das Skitourengehen plötzlich zum Thema für viele wurde, formulierte man u. a. zehn Empfehlungen für Pistentouren. Zudem gab es Regelungen, wann man in welchem Skigebiet als Tourengeher in der Nacht unterwegs sein darf.
Seitdem hat sich, angepasst an ein immer vielfältigeres Freizeitverhalten, viel getan. Für Downhiller wurden Trails gebaut, für E-Biker Ladestationen bei Almen errichtet. Nicht zu vergessen die Empfehlungen, wie man als Wanderer bei der Begegnung mit Alm-Vieh umzugehen hat.
Doch dann kam Corona und die Erkenntnis, dass immer noch eine Steigerungsstufe möglich ist. Bereits im Sommer klagten Bergrettung, Bergwacht sowie Grundstücksbesitzer über steigende Einsätze, vermüllte Wald- und Wiesenstücke sowie nicht rechtens abgestellte Fahrzeuge. Nicht viel anders sieht es jetzt im Winter aus. Wo das Virus zahlreiche Möglichkeiten der anderweitigen Zerstreuung verhindert, muss die Natur vor der Haustür als Ventil herhalten. Nicht immer ist das Verhalten der Menschen dabei Natur- oder Massen-verträglich. Vielmehr rücksichtslos und nicht über den Tellerrand hinausblickend. Beispiele dafür gibt es genug: Das fängt bei Tourengehern an, die für sie geschaffene Aufstiegsrouten nicht benutzen oder sich ohne ausreichende Kenntnisse ins freie Gelände wagen. Geht weiter zu Rodlern, die zu viert nebeneinander unfallgefährdend die Bahn hinaufmarschieren. Und hört bei Parkplatz-Suchenden auf, die sich wegen des letzten freien Platzes beinahe in die Haare geraten.
Nicht umsonst blicken Tirols Bergretter mit Sorge auf die Feiertage. Zu Recht forderten unlängst auch Alpenverein und Jägerschaft – sonst nicht immer in bestem Einverständnis vereint –, dass Bergsportbegeisterte mit Rücksicht auf das Wild unterwegs sein sollen. Gebetsmühlenartig formulierte Appelle, die viele noch berücksichtigen, immer mehr aber nicht. Und während die Natur still leidet, muss der Ego-Gesellschaft Folgendes klar sein: dass die Freiheit in den Bergen bei immer mehr Rücksichtslosigkeit möglicherweise eines Tages beschnitten werden könnte.

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