Offener Brief der Armenisch-Apostolischen Kirchengemeinde Österreich

Wien (OTS) - Die Botschaft der Republik Aserbaidschan und Sheikhulislam Allahshukur Pashazadeh, Vorsteher der Verwaltung der Muslime des Kaukasus, haben seit Beginn des Krieges in Berg-Karabach (Republik Artsakh) am 27. September, Kommentare zu den Pressemitteilungen der Armenisch-apostolischen Kirche Österreich abgegeben.

Die Armenisch-apostolische Kirche Österreich steht zu ihren Aussagen und betrachtet die offenen Briefe und Erklärung des Vorstehers der Verwaltung der Muslime des Kaukasus sowie der aserbaidschanischen Botschaft als einen Versuch, die Medien, die Vertreter der Glaubensgemeinschaften und die öffentliche Meinung in Österreich in die Irre zu führen. Unter der Annahme, dass die Öffentlichkeit in Österreich schlecht über den Kaukasus informiert sei, verbreitet die aserbaidschanische Seite Unsinnigkeiten, welche wir im allgemeinen Interesse hier weder wiedergeben noch kommentieren können.

Die aserbaidschanische Seite geht davon aus, dass man alles sagen kann, was man will, unter Vernachlässigung der Logik und des Realitätsbezuges. Das betrifft unter anderem die Behauptung, dass Aserbaidschan ein Vorbild in Sachen Multikulturalismus und Toleranz wäre, wenn in Wahrheit die Vernichtung der Spuren armenischen Kulturerbes seit über hundert Jahren auf staatlicher Ebene vorangetrieben wird.

Auch ist die aserbaidschanische Seite anscheinend der Meinung, dass man Geschichte umschreiben und Geschichten erfinden kann, um sie dann als Wahrheit zu kolportieren. Für die Armenisch-apostolische Kirche Österreich sind die aserbaidschanischen Aussagen in Bezug auf ihre tausendjährige Geschichte nicht nachvollziehbar. In der internationalen Geschichtswissenschaft, welche unter anderem auf die bis ins 7. Jahrhundert zurückreichenden armenischen Manuskripte als Quellen zurückgreift, wird die aserbaidschanische Ethnie mit keinem Wort erwähnt. In russischen Archiven des 18. und 19. Jahrhunderts wird indessen von anderen Völkern, die auf dem Territorium des modernen Aserbaidschan leben, wie den kaukasischen Tataren und Muslimen, berichtet. Die Armenisch-apostolische Kirche Österreich betrachtet die Geschichte ausschließlich als eine Wissenschaft.

Wir erachten es als inakzeptabel, dass Aserbaidschan versucht, diesem Konflikt einen religiösen Hintergrund zu geben und unsere Aussagen dermaßen zu verzerren, dass dieser Eindruck erweckt wird. Dies trifft in keinster Weise zu. Im Kampf um Artsakh geht es um das völkerrechtlich verankerte Selbstbestimmungsrecht. Wir erinnern daran, dass am 2. September 1991 die Armenier Berg-Karabachs Art. 3 des UdSSR-Austrittsgesetzes aktivierten. Anschließend, am 10. Dezember 1991 wurde ein Referendum über den Status der Republik Berg-Karabach als unabhängiger Staat durchgeführt. Die Unabhängigkeitserklärung der Aserbaidschanischen SSR vom 30. August 1991, wurde hingegen erst am 29. Dezember (also 19 Tage später) mit einem Referendum vollzogen. Es folgt, dass Aserbaidschan ohne die autonome Region von Berg-Karabach, über welche es zu diesem Zeitpunkt schon die Kontrolle verloren hatte, in die Unabhängigkeit von der UdSSR gegangen ist.

Am 27. September wurde der Krieg von Aserbaidschan selbst begonnen, unter gröbster Missachtung der in UN Resolution 2625 enthaltenen Grundsätze.

Die Armenisch-apostolische Kirche Österreich erklärt, dass die Anerkennung der Republik Artsakh als unabhängiger Staat alternativlos ist. Den Armeniern aus Artsakh steht ein Sezessionsanspruch als Notwehrrecht für bedrohte Völker zu („remedial secession“).

Rassismus, Xenophobie und Hass gegenüber Armeniern sind seit Jahrzehnten Teil der aserbaidschanischen Staatspolitik und wurden durch staatlich geförderte Propaganda methodisch in der politischen Kultur des Landes verankert. Wir erinnern daran, dass Aserbaidschan am 26. Mai dieses Jahres vom Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte für seinen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verurteilt wurde, als es einen ausgelieferten aserbaidschanischen Offizier, der einen armenischen Soldaten während einer gemeinsamen NATO Ausbildung in Ungarn mit einer Axt im Schlaf enthauptete, nach seiner Überstellung freiließ, und vom autokratischen Staat zum Nationalhelden erhoben wurde.

Leider müssen wir feststellen, dass im Laufe dieses Konfliktes die Intensität des Hasspotentials enorm gestiegen ist und eine Versöhnung mehr als ein Jahrzehnt dauern wird. Die Armenisch-apostolische Kirche ist bereit, diese nicht einfache Mission zu übernehmen und ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Mit diesem verantwortungsvollen Auftrag können wir nach Beendigung des Krieges und der Grenzziehung zwischen Aserbaidschan und der Republik Artsakh beginnen. Doch im Moment gilt es, die Bevölkerung von Artsakh zu schützen und die humanitäre Katastrophe zu mildern.

Wir vertreten die Meinung, dass die Verbreitung von Falschmeldungen sowie die Verzerrung von Aussagen und Fakten zu einer weiteren Steigerung des Hasses führen und verlangen von der aserbaidschanischen Seite zur Vernunft zu kommen, die Lüge nicht als Wahrheit zu kolportieren und den in den letzten 30 Jahren zur Staatsdoktrin mutierten Armenierhass zu unterlassen.

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