TIROLER TAGESZEITUNG, Kommentar: "Statt Pietät verbale Wadlbeißerei", von Karin Leitner, Ausgabe vom Sonntag, 8. November 2020

Nur ein paar Stunden hat es den ausgerufenen Zusammenhalt gegeben. Dann ging es schon wieder los – mit Politikergezänk.

Innsbruck (OTS) - Zum Zusammenhalt haben Vertreter der Regierungs-und Oppositionsparteien nach dem Terroranschlag aufgerufen. Der Opfer wurde gedacht, eine dreitägige „Staatstrauer“ verordnet. Die war noch nicht einmal beendet, da gab es schon Gewohntes im Land: Hader und Schuldzuweisungen. Der ÖVP-Kanzler und der ÖVP-Innenminister, von denen staatstragendes Verhalten gefordert wäre, begannen damit. Der Justiz und damit auch Ressortchefin Alma Zadić (Grüne), warfen sie Versäumnisse im Vorfeld des Attentats vor. Es sei falsch gewesen, dass der 20-jährige, am Montag von einem Polizisten erschossene Attentäter vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Sebastian Kurz behauptete gar, andernfalls hätte es den Anschlag nicht gegeben. FPÖ-Klubchef Herbert Kickl attestierte Nehammer Versagen, drängte auf dessen Abgang. Der konterte den Freiheitlichen, den die ÖVP unter Türkis-Blau zum Innenminister gemacht hatte, verbal scharf. Kickl habe den Verfassungsschutz „nachhaltig geschädigt, um nicht zu sagen zerstört“. Was ist mit diesen Herren los? Wollen sie selbst aus einer Tragödie Polit-Kleingeld schlagen? Was glauben sie, was Angehörige derer, die gestorben sind, empfinden, wenn sie das Gezänk hören? Was all die anderen, ob der Corona-Krise ohnehin Belasteten, die den Anschlag zu verarbeiten haben? Die Vorfälle vor dem Attentat sind gründlich zu untersuchen. Aber mit dem gebotenen Abstand, sachlich – und dem von anderen eingeforderten Respekt.

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