Leitartikel "Nationale Kraftanstrengung" vom 31. Oktober 2020 von Mario Zenhäusern

Innsbruck (OTS) - Was auch immer Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober heute verkünden werden: Ohne unser aller Zutun werden die härtesten Maßnahmen wirkungslos verpuffen.

Von Mario Zenhäusern
Österreich steht vor einem zweiten Lockdown. Spätestens seit der Verschärfung der Maßnahmen im Nachbarland Deutschland, das im Übrigen vergleichsweise moderate Steigerungsraten aufweist, ist klar, dass auch die heimische Bundesregierung nachziehen muss. Die massive Zunahme an Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern und vor allem in den Intensivstationen lässt der Politik keine Wahl. Anders als im Frühjahr, als Spitalskapazitäten für Covid-19-Patienten freigehalten wurden, aber ungenützt blieben, warnen die heimischen Intensivmediziner jetzt davor, dass unser Gesundheitssystem tatsächlich vor dem Kollaps steht. Betten werden bald ebenso fehlen wie das notwendige Betreuungspersonal. In etlichen Bundesländern kommt es bereits zur Verschiebung nicht unbedingt notwendiger Operationen, um die Versorgung der Patienten – ob mit oder ohne Covid-19 spielt keine Rolle – garantieren zu können.
Die Pandemie ist außer Kontrolle, alle Versuche, sie mit gelinderen Mitteln und Appellen an die Eigenverantwortung einzudämmen – von Stoppen ist eh schon lange nicht mehr die Rede –, sind kläglich gescheitert. Deshalb werden Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminis­ter Rudolf Anschober heute das Leben im Land ein zweites Mal massiv einschränken.
Besonders kritisch ist die Situation in den Alten- und Pflegeheimen. Obwohl die Politik auf Bundes- und Landesebene über die besondere Sensibilität in diesen Bereichen informiert war, hat sie es verabsäumt, rechtzeitig Sicherheitskonzepte für Bewohner und Pflegepersonal zu erstellen. 74 Infizierte im Wohnheim Tivoli und etliche Todesopfer in anderen Einrichtungen belegen das kollektive Versagen in diesem Bereich. Eine traurige Bilanz.
Was auch immer Kurz und Anschober heute verkünden: Ohne unser aller Zutun werden die Maßnahmen wirkungslos bleiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einer „befristeten nationalen Kraftanstrengung“, als sie die massive Verschärfung des Kurses in Deutschland verkündete. Diese Kraftanstrengung wird auch in Österreich notwendig sein. Die Bundesregierung muss danach trachten, so viele Menschen wie möglich, also auch Corona-Kritiker, -Zweifler und -Leugner, mit ins Boot zu holen, sie von der Notwendigkeit eines härteren Vorgehens gegen die weitere Ausbreitung des Virus zu überzeugen. Denn ohne den gesellschaftlichen Grundkonsens, dass die Maßnahmen alternativlos sind, wird auch ein Lockdown nicht zum Ziel führen.

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