Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 7. Oktober 2020. Von Floo Weißmann. "Gefangen in der Parallelwelt"

Innsbruck (OTS) - Mit seiner theatralischen Rückkehr ins Weiße Haus hat sich Trump wieder einmal selbst übertroffen. Wenige Wochen vor dem Wahltag rückt er sein größtes Versagen erneut ins Zentrum der Debatte.

Im Finale des Wahlkampfs hat sich US-Präsident Donald Trump wieder einmal neu inszeniert. Er versucht sich nun als Sieger über die „China-Grippe“ und als eine Art Märtyrer im Amt. Er konnte sich ja nicht verstecken, sondern musst­e hinausgehen und das Land führen, lautet die Erklärung der Trumpisten zu seinem lockeren Umgang mit dem Coronavirus.
Der US-Präsident hat seit Beginn der Pandemie schon viel Verantwortungslosigkeit gezeigt und viel Unsinn verzapft. Laut einer Studie der Cornell-Universität ist er der einflussreichste Verbreiter von Desinformation über das Virus. Aber mit der theatralisch inszenierten Rückkehr vom Militärspital ins Weiße Haus hat er sich wieder einmal selbst übertroffen.
Selbst viele Kritiker von Trump waren einmal bereit, ihm einen gewissen politischen Instinkt zuzugestehen. Falls das jemals zutraf, dürfte ihn sein Gespür nach fast vier Jahren im Amt, in denen er mit allen Regel- und Normverstößen durchgekommen ist, endgültig verlassen haben.
Millionen Amerikaner konnten Mon­tag­nacht sehen, wie ein infektiöser Präsident sich trotzig seiner Maske entledigt; wie er einen Monat vor dem Wahltag um jeden Preis stark erscheinen will und gerade dadurch Schwäche zeigt; wie er mit seinem Verhalten die Menschen in seiner Umgebung in Gefahr bringt und die Amerikaner auffordert, es ihm gleichzutun; wie er mit seiner Selbstüberhöhung auf Hunderttausende Tote und Leidende herabschaut.
Ein Blick auf Umfragen hätte genügt, um zu erkennen, was die meisten Wähler von Trumps Corona-Politik und seiner Erkrankung halten. Selbst viele Republikaner schütteln den Kopf, auch wenn sie aus anderen Gründen doch für ihn stimmen. Der Präsident hingegen wirkt wie in der von ihm selbst geschaffenen Parallelwelt gefangen, in der er ein umjubelter Anführer ist – und das Virus nur eine weitere politische Intrige seiner Gegner und Neider.
Viel Zeit bleibt Trump nicht mehr, um eine Niederlage noch abzuwenden. Mehr als drei Millionen Stimmen wurden schon abgegeben; täglich werden es mehr. Die TV-Debatte vorige Woche war ein Desaster, und seine Covid-19-Erkrankung – und sein Umgang damit – rückt sein größtes Versagen erneut ins Zentrum der Debatte.
Die Wahl ist vor allem ein Referendum über Trump. Mit seiner Selbstinszenierung sorgt er dafür, dass das auch so bleibt. Die Demokraten brauchen im Moment nur zuzuschauen, wie ihnen der Präsident die Wähler zutreibt. Wer weiß, was ihm in seinem Zorn und seiner Verzweiflung noch alles einfällt?

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