Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 6. Oktober 2020. Von PETER NINDLER. "Tiroler als Skifahrer zweiter Klasse"

Innsbruck (OTS) - Dass die Axamer Lizum heuer vielleicht gar nicht aufsperrt, ist nicht nur eine regionale Angelegenheit. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen wegen der Corona-Krise wird wieder einmal die Tourismusgesinnung im Land schwer geprüft.

Das Signal aus der Axamer Lizum für den bevorstehenden Wintertourismus und generell für die Freizeitwirtschaft in Tirol könnte kaum verheerender sein. Die Vorgangsweise mag zwar wegen der bescheidenen Aussichten für den Winter betriebswirtschaftlich nachvollziehbar sein. Das Skigebiet Corona-bedingt im heurigen Winter aber notfalls gar nicht aufzusperren, transportiert jedoch eine weitere bittere Botschaft: Liebe einheimische Skifahrer, alleine für euch schalten wir die Liftanlagen nicht ein. Damit wird eine ohnehin seit Jahren schwelende Debatte über den Tourismus in Tirol befeuert, die sich zwischen Naturraumbelastung, umstrittenen Skigebietserweiterungen, massiver Verkehrszunahme und „Overtourism“ bewegt.
Die Tiroler sollen alles schlucken, gleichzeitig werden sie wie Gäste zweiter Klasse behandelt. Weil sich mit ihnen offenbar nicht so viel Geld verdienen lässt wie mit den Skitouristen. Eine gefährliche Entwicklung, gerade in der ersten Wintersaison nach dem abrupten Lockdown im März. Dass hinter der Axamer Lizum das einflussreiche Bauimperium der Haller Familie Fröschl steht, macht die Sache noch verzwickter. Schließlich gibt es auf lokaler Ebene viele Reibungsflächen, nicht zuletzt die von der schwarz-grünen Regierung abgelehnte Skigebietsverbindung zwischen der Lizum und der Schlick über das Ruhegebiet Kalkkögel.
Aber unabhängig von den regionalen Konfliktherden wird nicht ausgeschlossen, dass weitere Unternehmen dem Beispiel der Lizum folgen. Weil Seilbahnbranche und Hotellerie an den Reisewarnungen schier verzweifeln und die Destabilisierung der Wirtschaft anprangern. Diese Gemengelage bestätigt allerdings auch die ökonomische Abhängigkeit vom Fremdenverkehr in Tirol, obwohl er trotz schwieriger Rahmenbedingungen im Sommer erneut ein wirtschaftliches Rückgrat war – mit Ausnahme des Städtetourismus. Der Tourismus stabilisiert, umso alarmierender wirkt quasi die Selbstaufgabe.
Ja, er muss neu gedacht werden, Corona zwingt ebenfalls dazu. Die viel zitierte Tourismusgesinnung hat durch Ischgl massiv gelitten, aber schon zuvor machte sich eine touristische Ermüdung mit aufkeimendem Empörungspotenzial im Land breit.
Eine Wintersaison ohne Skibetrieb in der Axamer Lizum ist deshalb mehr als nur eine regionale Angelegenheit, sondern ein Weckruf. Denn die Tiroler Seilbahner schöpfen seit Jahrzehnten aus dem Land, trotz Corona haben sie auch eine Verantwortung dafür. Und für die einheimischen Gäste.

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