TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 3. September 2020, von Wolfgang Sablatnig: "Am Ende bleibt der Hausverstand"

Innsbruck (OTS) - Nach zwei Erklärungen, vielen Interviews und einem ersten Ministerrat nach dem Sommer ist der Erkenntnisgewinn gering. Eindeutige Vorgaben der Politik für den weiteren Umgang mit der Pandemie fehlen. Gut so.

Auf der einen Seite stehen die Fakten: Gestern lag die Zahl der Corona-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden wieder über 300. Zwar haben wir zuletzt schon höhere Werte erlebt. Von Entspannung kann aber keine Rede sein. Immerhin beginnt nächste Woche in Ostösterreich die Schule. Und das aktuelle Wetter treibt uns wieder in die Häuser. Der erste Schnupfen kommt bestimmt.
Auf der anderen Seite stehen die Ankündigungen von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Beide haben die Erwartungen hoch gehängt – und blieben in ihren Erklärungen viel schuldig. Was haben wir gelernt? Erstens werden Herbst und Winter eine Herausforderung. Das hätten wir auch so geahnt. Aber zweitens besteht Hoffnung. Die haben wir hoffentlich noch nicht fahren lassen. Und natürlich tut es gut zu hören, dass eine Impfung nicht nur ferne Zukunftsmusik ist.
Vorgaben für das Verhalten machten Kurz und Anschober aber nicht. Auch nach dem gestrigen Ministerrat, den sie zum Moment der Entscheidung hochstilisiert hatten, beließen sie es bei Empfehlungen ohne Zwang und Strafe.
Vielleicht liefert der erste Blick auf die Corona-Ampel morgen mehr. Aber soll er das überhaupt? Natürlich ist es leichter, wenn Regierung und Behörden alles vorgeben. So wie beim Lockdown: Nichts war erlaubt, das war einfach zu verstehen und zu merken.
So einfach ist das Leben aber nicht. Darauf hat der Verfassungsgerichtshof hingewiesen, der die zentrale Verordnung nachträglich gekippt hat. Vor allem aber ist ein auch nur in Ansätzen normales Leben viel zu komplex, um es bis ins Detail zu regeln. Das beginnt beim kleinen Schnupfen. Was ist in Herbst und Winter einfach nicht zu verhindern? Und wo fängt die Gefahr an?
Wir müssen den Umgang mit der Pandemie völlig neu denken. Wo starre Vorschriften an ihre rechtlichen oder praktischen Grenzen stoßen, bleibt im Umgang mit Maske, Hygiene und Abstand der Hausverstand. Ohne den geht aber ohnehin nichts.
Fraglich bleibt nur, warum es so viel Aufhebens bedurft hat, um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen. Die Regierung und ihre Mitglieder wären gut beraten, sich nur dann mit bedeutungsschweren Ankündigungen an die Öffentlichkeit zu wenden, wenn sie tatsächlich etwas zu sagen haben.
Sonst wird ihnen bald niemand mehr zuhören – auch dann nicht, wenn sich die Lage wieder zuspitzt.

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