Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 28. August 2020. Von FLORIAN MADL. "Sie können mehr als nur gewinnen".

Innsbruck (OTS) - Einer rassistisch motivierten Welle der Polizeigewalt steht eine Front gegenüber, der auch Profisportler angehören. Der Verzicht auf den Wettkampf stellt ein neues Kapitel des stillen Protests und der politischen Meinungsäußerung dar.

Ein Hoch auf all jene Sportler, die dieser Tage ihre Augen nicht vor den gesellschaftlichen Entwicklungen um sie herum verschließen. Jene, die in einer degenerierten Welt mit der Niederlegung ihrer hochbezahlten Arbeit ein Zeichen setzen wollen und sich nicht kommentarlos in ihren Privatjet zurückziehen, während draußen neben einem Virus ein gewaltbereiter Polizist tobt.
Tennis-Ass Naomi Osaka führte kürzlich mit ihrem Halbfinal-Verzicht in New York fort, was viele namhafte amerikanische Sportverbände bereits zuvor angefangen hatten. Dabei waren es weniger die Verantwortlichen der auf Gewinnmaximierung geeichten Franchise-Unternehmen, sondern die Sportler oder Trainer selbst!
Die Niederlegung der Arbeit – ein Zeichen des gewaltlosen Widerstands in Zeiten von Polizeigewalt gegen Schwarze. Es begann vor einem Jahr mit dem demonstrativen Kniefall Colin Kaepernicks, dem unbeugsamen US-Footballer, dem vom Establishment Geächteten, dem Hymnen-Verweigerer. Doch mittlerweile schwappte die Welle der Gegenbewegung auf andere über. Kaepernick hat seinen Beruf verloren, aber den Heldenstatus erobert.
Bemerkenswert, diese Entwicklung zum mündigen Sportler, die niemand so fürchtet wie die Sportverbände. Denn der Welt-Fußballverband verbittet sich ebenso wie das Internationale Olympische Komitee politische Meinungsäußerung. Funktionäre wie Gianni Infantino (FIFA) oder Thomas Bach (IOC) würden sich niemals gegen Regime auflehnen, in deren Hoheitsgebieten sie ihre Wettkämpfe austragen. Die Entlohnung ist schließlich eine fürstliche – der Preis des Schweigens.
Nun erheben die Protagonisten, die Sportler, ihre Stimme. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Rom, als die afroamerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos während der Siegerehrung zum 200-Meter-Lauf die Faust zum Protest in den Himmel reckten, ernteten die beiden wenig Sympathien. Doch mittlerweile gilt der Sport als anerkannte Bühne, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen. Leute wie Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton, Basketball-Stars LeBron James – sie solidarisieren sich mit Protesten wie jenen gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd. Orientierungslosen Politikern und Funktionären fällt es zunehmend schwerer, sich dagegen aufzulehnen. Die Sympathien der Öffentlichkeit gehören zu ihrem Leidwesen anderen.

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