TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 6. August 2020 von Anita Heubacher – „Welle, Delle, Dauerwelle.“

Innsbruck (OTS) - Die Zahl der Infizierten ist in Österreich auf 0,015 Prozent der Bevölkerung gesunken. Aber anstatt Pragmatismus einkehren zu lassen, verhärten sich die Fronten und die Spaltung der Gesellschaft schreitet voran. Das ist ungesund.

Derzeit sind 1383 Menschen in ganz Österreich mit dem Coronavirus infiziert, um 51 weniger als tags zuvor. Wie viel der 1383 Menschen erkranken, steht in keiner Statistik, obwohl die Mehrheit, in Ischgl waren es 85 Prozent, kaum oder keine Symptome entwickeln wird. Insgesamt gab es 21.503 Infizierte in ganz Österreich im ganzen heurigen Jahr. Das heißt 0,24 Prozent der Bevölkerung haben sich infiziert.
Das bloße In-Relation-Stellen von Zahlen reicht aus, um als Verharmloser der Corona-Pandemie zu gelten und die Moralkeule auszupacken. Um endgültig jede Auseinandersetzung vom Tisch zu wischen, hat sich das Wort „Corona-Leugner“ etabliert.
Es ist schon erstaunlich, wie sehr am Beginn der Corona-Krise nach Evidenz verlangt wurde und wie wenig sie jetzt Beachtung findet. Österreich leistet sich mit der AGES eine Agentur, bei der alle Corona-Zahlen zusammenlaufen, wo knapp 10.000 Corona-Fälle nachverfolgt wurden und das Wissen über das Virus im Vergleich zum Beginn größer geworden ist. Es gibt demzufolge kaum Ansteckungen in den Öffis, kaum welche im Handel oder in den Schulen und keine im Supermarkt. Und die Politik stellt sich hin und verordnet ebendort eine Maskenpflicht? Auf Basis einer Wählerbefragung vielleicht, aber sicher nicht auf Basis von Daten. Das räumt Gesundheitsminis­ter Rudi Anschober sogar ein und erklärt, die Bundesregierung wolle damit die Schwächsten in der Gesellschaft schützen. Ohne sie zu fragen, ob sie denn überhaupt geschützt werden wollen. Folgerichtig sieht sich die Bundesregierung mit zahlreichen Beschwerden von Bewohnern von Altenheimen und deren Angehörigen konfrontiert, die ihre Isolation und ihren Schutz als Freiheitsentzug werten.
Zu Beginn der Krise hatten wir keine Zahlen, jetzt wären wir besser ausgestattet, aber jetzt regiert nur noch die Emotion. Menschen, die keine Masken tragen, sind Maskenmuffel, die unsolidarisch mit den Schwächsten der Gesellschaft sind. Und umgekehrt sind die Maskenträger unmündige Bürger, die sich gerne einen Maulkorb verpassen lassen. Junge Menschen sind Lebensgefährder, weil sie feiern wollen. Die Spaltung schreitet voran.
Diese Polarisierung wollen wir weiterbetreiben, bis eine Impfung kommt? Das ist auf jeden Fall ungesund. Das Virus wird bleiben und Pragmatismus hoffentlich kommen. Sonst haben wir neben Corona noch ganz andere Probleme.

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