Leitartikel "Europaregion im Dornröschenschlaf" vom 27. Juli 2020 von Peter Nindler

Innsbruck (OTS) - Die Politik in Trient, Bozen und Innsbruck hat die Europaregion eingeschläfert, weil es mehr Trennendes gibt. Das Euregio-Büro in Brüssel ist eine graue Maus. Es benötigt endlich neue Impulse und vor allem mehr Bürgernähe.

Von Peter Nindler
Das Europa im Kleinen benötigt einen Relaunch. Die Europaregion Tirol darbt hingegen so dahin, es ist ihr nicht gelungen, eine grenzüberschreitende politische Instanz zu werden. Vor nahezu zehn Jahren wurde mit dem Europäischen Verbund territorialer Zusammenarbeit ein Verwaltungskonstrukt geschaffen, das den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zusammenhalt über die historisch belas­tete Brennergrenze hinweg stärken sollte. Die Euregio leidet allerdings an der nicht genügenden Bürgernähe („Wozu?“), andererseits mangelt es ihr am gemeinsamen Lobbying in Brüssel. Weil es zwischen Trient, Bozen und Innsbruck nach wie vor viel mehr Trennendes als Gemeinschaftliches gibt.
Selbst beim alles beherrschenden Transitthema, das die Euregio in dieser Präsenz eigentlich lähmt, machen es unterschiedliche Einflusssphären schwer. Die Politik in Südtirol und im Trentino wird beeinflusst durch die dort angesiedelten großen Transportunternehmen, die naturgemäß ihre Machtposition zugunsten der Straße ausspielen. Und damit die ökologischen Verkehrsinitiativen bremsen. Doch nicht einmal beim immer drängender werdenden emotionalen Problem aufgrund der Rückkehr des Wolfes in die Alpenregion wird eine einheitliche Strategie verfolgt, geschweige denn in Ansätzen sichtbar. Südtirol forciert die Entnahme durch Fangen und Töten, während Tirol zaudert und das Trentino abwartet. Die Euregio tanzt mit dem Wolf, aber auf verschiedenen Tanzböden.
Schwachstellen sind darüber hinaus die Büros in Bozen, also der offizielle Sitz der Europaregion, sowie die gemeinsame Vertretung in Brüssel. Es wird verwaltet, sicher nicht gestaltet. Wie sollte es auch anders sein? Wenn die Politik die Europaregion einschläfert, wie können ihr dann Flügel wachsen. Da hilft nicht einmal ein Energydrink. Vor allem das Tirol-Büro in der EU-Metropole hat viel an Elan eingebüßt. Es ist eine graue Maus unter den einzelnen Regionalvertretungen geworden.
In Alpbach könnte im August der Startschuss für einen Neubeginn der Europaregion fallen. Dazu benötigt es vor allem den Mut des aktuellen Euregio-Präsidenten und Tiroler Landeshauptmanns Günther Platter. Mit Vorsicht lässt sich bei den 1,8 Millionen Bürgern in der Europaregion jedoch nichts gewinnen – und schon gar nicht in der EU. Bürgernähe, gemeinsame Initiativen vom Tourismus bis hin zur Gesundheit sowie die verstärkte Einbindung der Bürger in so genannten Bürgerräten würden die Euregio vielleicht doch noch aus dem Dornröschenschlaf wachküssen.

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