Leitartikel "Führungslos gegen das Virus" vom 20.5.2020 von Floo Weißmann

Innsbruck (OTS) - Im Kampf gegen die Pandemie braucht es einen globalen Kraftakt. Doch die Vereinigten Staaten unter Donald Trump wollen nicht führen, und China unter Xi Jinping kann es derzeit nicht.

Von Floo Weißmann
Die Drohung von US-Präsident Donald Trump, aus der Weltgesundheitsorganisation WHO auszutreten, ist durchaus ernst zu nehmen. Er unterstreicht damit seine außenpolitische Grundhaltung:
Multilaterale Kooperation, die Führungsrolle der Supermacht und über Jahrzehnte gewachsene internationale Strukturen haben für ihn keinerlei Bedeutung. Es zählen allein der unmittelbare Nutzen für Amerika und für seinen seit 2016 ununterbrochenen Wahlkampf. Aktuell braucht der US-Präsident Sündenböcke, um von seinen eigenen Versäumnissen in der Corona-Krise abzulenken. Er hat sie außenpolitisch in China und der WHO gefunden und innenpolitisch in demokratischen Gouverneuren sowie in Medien, die sein Wirken kritisch hinterfragen.
Der Abschied Amerikas von der Weltbühne schwächt den Kampf gegen das Virus und bringt die internationale Ordnung ins Wanken. Ohne die finanziellen, diplomatischen, wissenschaftlichen und logistischen Ressourcen der Supermacht wird sich die Welt wesentlich schwerer tun, globale Herausforderungen zu stemmen.
China ist derzeit weder willens noch in der Lage, das Vakuum zu füllen, das die USA hinterlassen. Zwar profitiert China von Trumps Verweigerungshaltung; und es versucht, sich im Kontrast zu den USA als gütige und kooperative Macht darzustellen. Aber gerade in der Pandemie hat auch China keine gute Figur gemacht. Und bei den regionalen Nachbarn und den westlichen Demokratien sitzt das Misstrauen tief gegenüber Pekings Machtansprüchen und seinen brachialen Methoden im In- und Ausland. Nachhaltige Führung kann nicht diktiert werden; sie braucht auch solche, die sich führen lassen. China unter Staatschef Xi Jinping hat dafür kaum das nötige Maß an soft power (Attraktivität).
Weder Washington noch Peking werden ihrer Verantwortung beim globalen Krisenmanagement gerecht. Und es könnte noch schlimmer kommen, falls sich die Rivalität der Mächte nach der Pandemie auf allen Ebenen fortsetzt. In amerikanischen Denkfabriken wird bereits über einen drohenden kalten Krieg im Pazifik diskutiert.
Europa hat dem wenig entgegenzusetzen. Die EU ist – ihrem Potenzial zum Trotz – auf absehbare Zeit zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu wenig geeint und zu wenig global ausgerichtet, um auf Augenhöhe mit den USA und China zu agieren oder gar selbst die Führung zu übernehmen. Ihr bleiben der Versuch und die Hoffnung, nach der Wahl in den USA die globalen Rivalen in wichtigen Fragen an einen Tisch zu bekommen.

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