Leitartikel "Das Virus und sein Mascherl" vom 19.5.2020 von Wolfgang Sablatnig

Innsbruck (OTS) - In Wien steigen die Zahlen der Corona-Infektionen stärker als in den anderen Bundesländern. Der genaue Blick auf diese Entwicklung ist wichtig. Für einen Vorwahlkampf eignet sich die Pandemie aber nicht.

Von Wolfgang Sablatnig
Der Schlagabtausch um die Häufung der Corona-Fälle in Niederösterreich und Wien lässt einen fassungslos zurück. Gefragt wäre eine gemeinsame Strategie, um eine weitere Eindämmung zu verhindern. Stattdessen tut aber manch Türkiser so, als ob es ein rotes Virus gäbe. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) lädt sogar zu einer Pressekonferenz, um eine „Mahnung“ an die roten Verantwortlichen der Bundeshauptstadt zu richten.
Was ist passiert? Faktum ist, dass die Infektionszahlen in Wien stärker steigen als in den anderen Bundesländern. Mehr als die Hälfte aller aktuell in Österreich an Co­vid-19 erkrankten Personen lebt in Wien.
Die Zahlen geben aber auch andere Interpretationen her. Negativer Spitzenreiter bei den Gesamtinfektionen – inklusive der Menschen, die wieder gesund sind – ist nach wie vor Tirol. Und bezogen auf die Einwohnerzahl sind die Zahlen in den niederösterreichischen Bezirken St. Pölten, Horn und Neunkirchen sowie im steirischen Weiz zuletzt stärker gestiegen als in der Bundeshauptstadt.
Faktum ist aber auch, dass viele Infektionen im Zusammenhang mit Leiharbeit stehen. Prekäre Arbeitsverhältnisse mit schwacher sozialer Absicherung sind eine Parallele zu deutschen Schlachthöfen, wo sich Arbeiter aus Osteuropa reihenweise angesteckt haben. Lässt der Sozialstaat hier Lücken, die zu schließen sind?
Und Faktum ist, dass in Wien in fünf Monaten eine Landtagswahl steigt. Die ÖVP – noch schwarz und ohne den türkisen Neuanstrich – hat es 2015 nicht einmal mehr zu einem zweistelligen Ergebnis geschafft und hofft auf große Zuwächse. Da kommt es den Türkisen nur recht, wenn sie das Krisenmanagement der Wiener Roten angreifen können. Eine Retourkutsche für Vorwürfe gegen schwarze bzw. türkise Verantwortungsträger in der Causa Ischgl? Vielleicht. Jedenfalls aber ein weiterer Beweis dafür, dass der politische Ton wieder rauer geworden ist.
Die Moral aus der Geschicht’: Hagenbrunn und Wien sind nicht das neue Ischgl – nicht nur, weil die Seilbahnen fehlen. Sondern auch, weil der Umgang mit Erkrankten zwei Monate später schon viel professioneller läuft.
Und: In Österreich bekommt sogar das Virus ein parteipolitisches Mascherl. So gesehen sind wir über die neue Normalität schon hinaus, sondern zurück in einer traurigen Realität, in der zuerst geschimpft und Vertrauen verspielt wird, bevor Lösungen gesucht werden. Dorthin hätten wir aber gar nicht zurückgewollt.

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