Tiroler Tageszeitung, Leitartikrl, Ausgabe vom 16. April 2020. Von MARKUS SCHRAMEK. "Ein Polit-Desaster in Grün".

Innsbruck (OTS) - Ulrike Lunacek ist als Kulturstaatssekretärin schon wieder Geschichte. Dass Lehren aus dieser kurzen Episode gezogen werden, darf bezweifelt werden. Es wäre Zeit, Kultur zur Chefsache zu erklären.

Politik ist ein knallhartes Geschäft. Da verkündet Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek ihren Rücktritt, gesteht ein, dass sie es nicht schaffte, dem nach Corona am Boden liegenden Kulturbetrieb Hoffnung zu geben. Wenig später verkünden dann die grünen Parteifreunde Vizekanzler Werner Kogler und Gesundheitsminister Rudolf Anschober exakt das, woran Lunacek zuletzt gearbeitet hatte: den heiß ersehnten Zeitplan für die Wiederaufnahme kultureller Veranstaltungen.
Kogler vergisst nicht zu erwähnen, dass sich Lunacek seinerzeit als EU-Abgeordnete politisch große Verdienste um den Kosovo erworben habe. Im Fußball, für den sich Kultur- und Sportminister Kogler richtig ins Zeug gelegt hat, bezeichnet man so etwas als Nachtreten:
ein Foul an jemandem, der eigentlich schon weg ist.
Groß aufzeigen konnte die gewesene Staatssekretärin nicht, wie auch, in nur 129 Tagen bis zum Aus. Gerechte Bezahlung im freien Kulturbereich („fair pay“) war ein wichtiges Thema, das Lunacek anstoßen wollte. Doch nach Ausbruch der Corona-Krise war es vorbei mit aller Programmatik. Da ging es für halb Österreich wirtschaftlich ums nackte Überleben.
Kanzler Sebastian Kurz und sein ebenfalls türkiser Finanzminister Gernot Blümel warfen mit Steuermilliarden nur so um sich. Die prall gefüllten Hilfstöpfe erreichten Hunderttausende Arbeitnehmer und -geber, ob ausreichend, wird sich noch zeigen. Die Kreativwirtschaft, in vielen Fällen schon vor der Krise eher dem Prekariat als der Hochfinanz zuzurechen, fühlte sich jedenfalls im Stich gelassen:
abgesagte Auftritte, akute Geldnöte, mangelnde politische Rückendeckung.
Lunacek fehlte es an Gewicht, um für ihr Klientel wirksam die Stimme zu erheben. Mangelnde Erfahrung im Umgang mit einer schwierigen Branche, die ihren Ärger publikumswirksam zu artikulieren vermag (siehe das Frust-Video von Kabarettist Lukas Resetarits) taten ein Übriges. Lunacek brachte die Kulturszene nach und nach gegen sich auf – eine Katastrophe für die Grünen. Denn im Umfeld der Öko-Partei fühlte sich mancher kreative Kopf politisch noch ansatzweise daheim. Aber Schwamm drüber. Eine neue Frau Staatssekretärin grüner Couleur wird bald die Arbeit aufnehmen. Viel ändern wird sich nicht. Kunst und Kultur bleiben in der Regierung ein schmuckes Feigenblatt, ein Beiwagerl, dessen Steuer Kanzler Kurz dem Juniorpartner überlässt. Dabei wäre es gerade im Lichte des Lunacek-Desasters hoch an der Zeit, die Kultur zur Chefsache zu erklären.

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