WWF fordert Rettungsplan: Neue BOKU-Studie zeigt leises Sterben in Österreichs Flüssen

Rund 60 Prozent der heimischen Fischarten sind gefährdet, nur noch 17 Prozent der Flüsse können frei fließen - Intakte Gewässer sind laut Wissenschaft zu wenig geschützt

Wien, am 13. Mai 2020. (OTS) - Eine neue Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU) im Auftrag des WWF belegt den drastischen Lebensraum-Verlust für gefährdete Arten an Österreichs Flüssen. Aufgrund jahrelanger Fehlentwicklungen können Flüsse nur in 17 Prozent des gesamten Gewässernetzes ohne Hindernisse frei fließen, weniger als 15 Prozent befinden sich in sehr gutem ökologischem Zustand und lediglich ein Prozent wird von ökologisch bedeutenden, intakten Auen begleitet. Rund 60 Prozent der heimischen Fischarten gelten heute als gefährdet. Laut der BOKU-Studie sind die Rückzugsräume für gefährdete Arten nur mangelhaft oder gar nicht vor weiterer Verbauung geschützt. „Unsere Flüsse sind zu stark reguliert und verbaut, vor allem durch die mehr als 5.200 Wasserkraftanlagen in Österreich. Dennoch sind sogar hunderte neue Kraftwerke geplant und das oft auch noch in ökologisch sensiblen Gebieten“, warnt Bettina Urbanek vom WWF Österreich. Die Umweltschutzorganisation fordert daher von der Politik einen konkreten Rettungsplan für die letzten intakten Flüsse. „Mensch und Natur brauchen gesunde, lebendige und klimafitte Flüsse. Daher muss die Bundesregierung als ersten Schritt die Ökostromförderung grundlegend reformieren und mit Naturschutz-Kriterien ausstatten. Neue Kraftwerke in Schutzgebieten und an den letzten intakten Flussstrecken müssen wirksam verhindert werden“, so Urbanek.

Die BOKU-Analyse zur „Ausweisung wertvoller Gewässerstrecken in Österreich und deren Schutzstatus“ hat 32.267 Flusskilometer untersucht. Rund ein Drittel aller Strecken (ca. 11.500 Kilometer) wurde „als besonders schutzwürdig“ eingestuft. Zusätzlich zu den dramatischen Rückgängen von ikonischen heimischen Flusslebewesen belegt die Studie einen mangelhaften Schutz vor weiteren Verschlechterungen. Die Untersuchung ausgewählter Indikator-Arten und deren Lebensraum ergibt ein besorgniserregendes Bild. Projektleiterin Sigrid Scheikl von der Universität für Bodenkultur erklärt: „Von den 58 heimischen Fischarten, die heute noch in Fließgewässern anzutreffen sind, sind 34 entweder gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. In der Studie haben wir 11.500 Kilometer an Flussstrecken als besonders schutzwürdig identifiziert, weil sie von herausragender Bedeutung für bedrohte Arten sind, einen sehr guten Zustand oder noch intakte Aulandschaften aufweisen beziehungsweise freie Fließstrecken sind. Davon sind jedoch nur 24 Prozent streng nach Naturschutz oder Wasserrecht effektiv vor weiterer Wasserkraftverbauung geschützt.“

Laut Studie liegen für die gefährdete Äsche, die noch auf rund 5.000 Kilometern vorkommt, auf 2.900 Kilometern genauere Befischungsdaten vor. Nur mehr auf 330 Kilometern sind die Bestände in gutem Zustand. Nur 16 Prozent (50 Kilometer) dieser intakten Bestände sind vor weiterer Verbauung streng geschützt. Beim stark gefährdeten Huchen gibt es überhaupt nur noch 403 Kilometer mit gutem Bestand oder zumindest gutem Potenzial. Nur neun Prozent dieser Strecken sind streng geschützt. Beim Flussuferläufer, der auf Schotterbänken nistet, konnten Brutvorkommen nur noch auf 97 Flusskilometern dokumentiert werden.

WWF fordert naturverträgliche Energiewende
Einer der Hauptfaktoren für die starke Belastung der Natur ist der massive Wasserkraft-Ausbau. Bisher verfehlen acht von zehn Anlagen die ökologischen Mindeststandards, aber dennoch sind derzeit selbst im Umfeld von Schutzgebieten neue subventionierte Kraftwerke geplant. „Eine echte Energiewende muss beim Verbrauch ansetzen, aber derzeit gibt es gerade bei der Kleinwasserkraft völlig falsche Anreize für einen schrankenlosen Ausbau. Daher fließen jedes Jahr viele Millionen Euro von Stromkund*innen in den Bau von ineffizienten Kraftwerken an den falschen Standorten“, kritisiert WWF-Expertin Bettina Urbanek.

Aktuelle Negativbeispiele sind die Kraftwerkspläne an der oberen Mur, wodurch eines der letzten national bedeutenden Vorkommen des Huchens bedroht wird. Gleich sieben Kraftwerke sind im Einzugsgebiet der durch Natura 2000 geschützten Isel in Osttirol geplant und bedrohen die letzten ursprünglichen Bestände der streng geschützten Deutschen Tamariske, die nur mehr auf 0,5 Prozent der Fließgewässerstrecken vorkommt. Auch das Ökosystem der vom Land Tirol als einzigartig eingestuften freifließenden Ötztaler Ache ist durch den Bau des Kraftwerks Tumpen-Habichen bedroht.

Kernaussagen der BOKU-Studie:

  • Nur noch 1 Prozent von Österreichs Flüssen wird von ökologisch bedeutenden, intakten Auen begleitet;
  • Weniger als 15 Prozent der Flüsse befinden sich in einem ökologisch sehr guten Zustand;
  • Nur 17 Prozent der Flussstrecken sind freie Fließstrecken ohne Hindernisse;
  • Für den stark gefährdeten Huchen, den größten lachsartigen Fisch Europas, besteht die reale Gefahr, dass er in den nächsten 20 Jahren in Österreich ausstirbt. Er kommt nur noch auf rund 50 Prozent (2.700 Kilometer) des ehemaligen Verbreitungsgebiets vor, nur auf 20 Prozent kann er sich natürlich fortpflanzen. Gute Bestände oder hohes Entwicklungspotenzial gibt es nur noch auf rund 400 Flusskilometern. Davon sind nur 9 Prozent streng geschützt;
  • Die seltene und streng geschützte Deutsche Tamariske kommt nur alpin und voralpin an Flüssen mit natürlicher Flussdynamik vor und ist und vom Aussterben bedroht. Die Vorkommen beschränken sich auf 0,5 Prozent der Flüsse (150 Kilometer), davon ist nur ein Drittel streng geschützt;
  • Die gefährdete Äsche kommt noch auf rund 5.000 Flusskilometern vor. Auf 2.900 Kilometern liegen genauere Befischungsdaten vor, nur noch auf 330 Kilometern (11 Prozent der beprobten Strecken) gibt es gute Vorkommen. Nur 16 Prozent der intakten Bestände (50 Kilometer) sind vor weiteren Verschlechterungen streng geschützt;
  • Der Flussuferläufer brütet nur mehr auf 0,3 Prozent der Fließgewässerstrecken (100 Kilometer), davon sind nur 38 Kilometer streng geschützt.

Download der Studie, von Grafiken und weiteren Informationen unter: https://tinyurl.com/y7hayjqg

Rückfragen & Kontakt:

Vincent Sufiyan, WWF Österreich, Pressesprecher, Tel.: 0676 834 88 308, E-Mail: vincent.sufiyan@wwf.at
Bettina Urbanek, WWF Österreich, Gewässerschutz-Expertin, Tel.: 0676 834 88 275, E-Mail: bettina.urbanek@wwf.at
Sigrid Scheikl, Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement, BOKU Wien, Landschaftsökologin, E-Mail: sigrid.scheikl@boku.ac.at

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