ORF-Doku „Heimkehr und Aufbruch“ analysiert, wie aus den Trümmern des Weltkriegs die Zweite Republik entstehen konnte

Im Rahmen des Weltkriegsschwerpunkts am 7. Mai um 21.05 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - „Das war für uns so eine Erleichterung, dass diese schwere Zeit endlich zu Ende war!“ Die Widerstandskämpferin Maria Cäsar erlebt das Kriegsende 1945 in Judenburg in der Steiermark. Kurt Fräser, Kind einer Wiener jüdischen Familie, kehrt 1945 als britischer Soldat in seine Heimat zurück: „Ich habe dafür gekämpft, dass Österreich besser wird als vor 1938!“ Ganz anders Waffen-SS-Offizier Herbert Bellschan: „Die große Enttäuschung war, dass wir den Krieg verloren haben!“ Anfang Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg zwar offiziell zu Ende, die Überlebenden kämpfen aber noch lange mit den Folgen des Krieges. Im Rahmen des ORF-Programmschwerpunkts „75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“ analysiert die „Menschen & Mächte“-Neuproduktion „Heimkehr und Aufbruch“ von Robert Gokl und Gregor Stuhlpfarrer am Donnerstag, dem 7. Mai 2020, um 21.05 Uhr in ORF 2, wie aus den Trümmern des Weltkriegs schließlich die Zweite Republik entstehen konnte.

„Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo Österreich nicht war. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein sollte.“ Harry Merl erlebt das Kriegsende mit seinen Eltern versteckt in einem Kohlenkeller in Wien – als einer der wenigen jüdischen Überlebenden. In der Wohnung, die ihnen zugewiesen wird, reißt er als erstes alle Fenster auf und spielt so laut es geht den „Trumpet Blues“: „Jazz war für mich wie Licht! Dazu kann man nicht marschieren, sondern nur tanzen!“

Die Auschwitz-Überlebende Dagmar Ostermann kehrt Ende Mai 1945 nach Wien zurück – und trifft recht schnell wieder auf Antisemitismus:
„Die Wiener haben sich natürlich viel mehr als Opfer gefühlt, als dass sie mich als Opfer betrachtet haben.“ Nicht nur viele Österreicher, sondern auch das offizielle Österreich sieht sich noch lange als das „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus. Viele großkoalitionäre Maßnahmen zur Opfer-Entschädigung geschehen lediglich auf Druck der Besatzungsmächte.

Die damals neunjährige Kärntner-Slowenin Rosina Wernig erlebt das Kriegsende in einem Internierungslager in Mittelfranken. Seit 1942 waren rund 1.000 Kärntner Slowenen – in den Augen des NS-Staates sind sie „volks- und staatsfeindlich“ – in Lager nach Deutschland verbracht worden. Das Kriegsende bedeutet für Wernig und ihre Familie einen Neubeginn. Rosina Wernig, ihre Geschwister und die Mutter kehren im Juli 1945 ins Kärntner Rosental zurück, der Vater überlebt das KZ Dachau und stößt in der alten Heimat zur Familie. Zu Hause lebt die wieder vereinte Familie im zweisprachigen Gebiet nun Tür an Tür mit jenen, die das Kriegsende nicht als Befreiung empfinden. „Dem Vater haben Schulkollegen nach dem Krieg im Wirtshaus nach dem Kirchgang gesagt: So schlimm kann es nicht gewesen sein in Dachau, du hast es ja wunderbar überlebt“, erzählt die heute 83-jährige Rosina Wernig.

In einem Flüchtlingslager wächst Edith Eisenkölbl auf. Ihre Mutter hat sich mit den sieben Kindern aus der Gottschee nach Österreich durchgeschlagen: „Immer, wenn sie im Radio gesagt haben, es kommen Heimkehrer, haben wir uns um den Radio versammelt und haben gehorcht. Wird der Vater kommen?“ Alfred Mikesch kehrt aus der Wehrmacht nach Kapfenberg zurück: „Ich wusste gar nicht mehr, wie meine Frau aussieht.“ Für seine Tochter ist er ein fremder Mann in Uniform. Herbert Bellschan verbringt zwei Jahre in Internierungslagern, unter anderem in Glasenbach. Nach seiner Entlassung will er von Politik nichts mehr wissen: „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich hab ja nichts anderes gelernt, als Soldat zu sein.“

Mit der ausgerufenen „Stunde Null“ beginnt neben dem proklamierten „Opferstatus des Landes“ die zweite Lebenslüge der neu ausgerufenen Republik. Lange noch verweigert sie sich einer kritischen Reflexion der Mitschuld am Nationalsozialismus. So wird etwa für den Staatsvertrag der bewaffnete Widerstand der Partisanen in Kärnten und der Steiermark als „eigener Beitrag“ zur Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus angeführt – die in der Verfassung verankerten Minderheitenrechte gibt es allerdings erst Jahrzehnte später. Kurt Fräser, der in der britischen Armee für ein besseres Österreich kämpfte: „Ich habe zwar den Staatsvertrag begrüßt, aber nicht, dass viele Österreicher sich nicht mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben.“

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