TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Eine andere Normalität ist geboten", von Karin Leitner

Ausgabe vom 2. Mai 2020

Innsbruck (OTS) - Viele wollen wieder so leben, wie sie das vor der Corona-Pandemie getan haben. Ein verständliches Verlangen. Einiges davon, was vor der Krise gang und gäbe gewesen ist, sollte es hernach aber nicht mehr sein.

Es gelte, zu einer „neuen Normalität“ zu kommen. Diese Begrifflichkeit verwenden der Kanzler und seine Regierungskollegen bei jeder Gelegenheit. Vielen missfällt sie – nicht eine neue, die Normalität, die es vor der Corona-Krise gegeben habe, solle wieder her.
Soll sie das tatsächlich? In vielerlei Hinsicht ja. Leute sollen einander wieder entspannt begegnen können, weil sie nicht in jedem Gegenüber eine potenzielle Virenschleuder sehen. Die Fahrt in einem Öffi, der Besuch eines Restaurants sollen nicht ängstigen. Menschen sollen wieder einen Job haben, Kurzarbeit soll passé sein. Betriebsinhaber sollen nicht fürchten müssen, insolvent zu werden. Keine Obrigkeitsstaatlichkeit mehr, keine Beschränkung der Freiheitsrechte.
Nicht wie vor der Pandemie sollte es anderweitig vonstattengehen. Egoismus und Ellbogentechnik haben überhandgenommen. Aufeinander zu achten, rücksichtsvoll zu sein – das ist die Devise seit Beginn der Krise. Das sollte sie auch nach ihr sein. Von oben haben manche auf andere herabgesehen, auf jene, die sie sozial und beruflich weit unter sich wähnten. Sie haben ihre Definition von „Leistungsträger“ wohl erweitert. Supermarktangestellte werden nun beklatscht; noch vor ein paar Wochen wurden sie beschimpft, wenn ein paar Minuten an der Kasse zu warten war. Nicht nur ihr, auch das Wirken vieler anderer in der Notlage sollte fürderhin auch finanziell gewürdigt werden. Gemerkt haben sollten auch die „Ausländer raus“-Schreier, was los ist, wenn Pflegerinnen und Erntehelfer nicht mehr verfügbar sind. In Sachen Konsum sollten wir auch nicht dorthin, wo wir gewesen sind:
Online-Bestellungen waren vor dem Lockdown gang und gäbe – zu Lasten lokaler Anbieter. Ob der Restriktionen waren die­se gänzlich geschäftlich außen vor. Jetzt erst recht sind sie zu unterstützen. Und in welch globalem Dorf wir leben, hat sich nicht erst durch das Coronavirus gezeigt. Neue Nationalstaaterei wäre die falsche Reaktion. Entglobalisierung ist aber geboten. Dort etwa, wo es um die Produktion essenzieller Güter wie Schutzausrüstung und Medikamente geht.
Gottlob ist der Mensch befähigt, Schlimmes aus dem Fokus zu nehmen, wenn es vorüber ist. Und so werden auch die Erinnerungen an die gesundheitliche Bedrohung und deren Folgen à la longue verblassen. Naiv wäre, anzunehmen, dass die Krise großen Wandel bringt. Ein bisschen etwas aus dem Erfahrenen zu lernen, wäre schon viel.

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