75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg: In „Menschen & Mächte“ erzählt Anne Franks Wiener Stiefschwester vom Schicksal der beiden Mädchen

Am 29. April um 22.30 Uhr in ORF 2, danach: „Maikäfer flieg“

Wien (OTS) - Sie wurde 1929 geboren, im selben Jahr wie ihre Stiefschwester Anne Frank: Eva Geiringer, Kind einer Wiener jüdischen Familie. Die beiden Mädchen lernten einander in Amsterdam kennen, wohin sie mit ihren Familien vor den Nationalsozialisten geflüchtet waren und im selben Wohnblock lebten. Eva Geiringer: „Wir haben gemeinsam gespielt, wir waren Freundinnen.“ Heute ist sie 90 Jahre alt und erzählt im Rahmen des ORF-Programmschwerpunkts „75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“ (Details unter http://presse.ORF.at) in Robert Gokls „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Anne Franks Wiener Stiefschwester – Das Mädchen, das überlebte“ am Mittwoch, dem 29. April 2020, um 22.30 Uhr in ORF 2 vom Schicksal der Mädchen Anne und Eva. Mit „Maikäfer flieg“ (23.20 Uhr) steht danach Christine Nöstlingers gleichnamiger, autobiografischer Kinderbuchklassiker auf dem Programm von ORF 2. Zita Gaier spielt darin die junge Heldin, die mit den vorurteilsfreien Augen eines Kindes ins Jahr 1945 führt. Für Mirjam Ungers vom ORF im Rahmen des Film/Fernseh-Abkommens kofinanzierten Film standen u. a. auch Ursula Strauss, Gerald Votava, Konstantin Khabensky, Krista Stadler, Heinz Marecek, Paula Brunner und Bettina Mittendorfer vor der Kamera.

Menschen & Mächte: „Anne Franks Wiener Stiefschwester – Das Mädchen, das überlebte“

Eva war neun Jahre alt, als sie nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich mit ihren Eltern in die Niederlande fliehen musste. Im Mai 1940 holen sie dort Wehrmacht und NS-Terror ein. „In der Nacht haben wir Flugzeuge gehört. Die Wehrmacht ist in die Niederlande einmarschiert!“, erzählt Eva Geiringer. Vor allem Österreicher sind dort bis Kriegsende für Repression, Verfolgung, Raub, Deportation und Mord verantwortlich: Oberster SS-Chef wird der Steirer Hans Rauter. Zum Reichskommissar der Niederlande, dem höchsten NS-Vertreter, ernennt Hitler den Kurzzeitbundeskanzler der „Anschlusstage“ Arthur Seyss-Inquart. Über die Funktion seines Großvaters meint Enkel Helmut Seyss-Inquart: „Mein Großvater war ein Verbrecher. Er hat fast alle niederländischen Juden in die KZ schicken lassen.“

Zwei unterschiedliche Lebensrealitäten für Verfolger und Verfolgte:
Arthur Seyss-Inquart residiert mit seiner Familie auf Schloss Clingendael in Den Haag. Zum arisierten Besitz gehört auch ein riesiger Park, in dem Konzerte stattfinden. Die Familie Geiringer versucht wie die Familie Frank versteckt als „U-Boote“ Verfolgung und Deportation zu entgehen. Am 11. Mai 1944, an Evas 15. Geburtstag, stürmt die Gestapo das Versteck der Familie Geiringer, einige Wochen später wird Anne Franks Familie gefasst. Beide Familien werden zuerst in das niederländische KZ Westerbork und von dort nach Auschwitz deportiert. Dort angekommen wird Eva in ihrem Geburtstagskleid von KZ-Arzt Josef Mengele an der Rampe zum Arbeitsdienst selektiert. Ihr Vater sagt beim Abschied „Gott wird dich beschützen, Eva!“ Evas Vater und ihr Bruder werden später in das KZ Ebensee deportiert und dort knapp vor Kriegsende umgebracht. Anne Frank Anfang 1945 in Bergen-Belsen. Eva wird mit ihrer Mutter im Jänner 1945 in Auschwitz von der Roten Armee befreit, ebenso Annes Vater Otto Frank, der einzige Überlebende der Familie Frank. Gemeinsam kehren sie nach Amsterdam zurück. Dort heiratet Evas Mutter schließlich Otto Frank und hilft ihm, das Tagebuch Anne Franks herauszugeben. Jahrelang versucht Eva Geiringer die traumatischen Erlebnisse ihrer Jugend zu verdrängen. Erst als ihre Töchter erwachsen sind, kann sie ihnen davon erzählen und ihre Geschichte niederschreiben. Ihre Bücher werden weltweite Bestseller.

In Helmut Seyss-Inquarts Familie wird über den Großvater und seine NS-Karriere ebenso wenig geredet wie über dessen Hinrichtung in Nürnberg 1946. Erst als im Geschichtsunterricht im Gymnasium der Name Seyss-Inquart im Zusammenhang mit dem „Anschluss“ und dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess fällt, beginnt sich Helmut Seyss-Inquart mit seinem Großvater und der NS-Zeit in Österreich und den Niederlanden zu beschäftigen: „Er hat bis zu seiner Hinrichtung nie gesagt, dass es ihm leidtut. So bleibt das meine Aufgabe!“ Helmut Seyss-Inquart wird Zivildiener, heiratet in der Kirche, in der Franz Jägerstätter Mesner war, und bewirbt sich mit Ende 20, gleichsam als eine Art individuelle Wiedergutmachung, als freiwilliger Mitarbeiter im Anne-Frank-Haus in Amsterdam.

Robert Gokl begleitet Eva Geiringer an die Orte ihrer Lebensgeschichte: nach Wien, wo sie bis 1938 eine glückliche Kindheit verbrachte. Nach Amsterdam, wo sie Anne Frank kennenlernte. Und nach London, wo Eva Geiringer Zvi Schloss heiratete und heute mit ihren drei Kindern lebt. Heute sieht sie ihr Überleben als Aufgabe: zu erzählen, was damals den beiden Mädchen Anne Frank und Eva Geiringer in Amsterdam geschah.

„Maikäfer flieg“

Wien 1945: Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Zeit der russischen Besatzung, gesehen mit den vorurteilsfreien Augen der zehnjährigen Christine (Zita Gaier): Sie weiß vom Frieden genauso wenig, wie die Kinder heute vom Krieg wissen. Ausgebombt und vollkommen mittellos kommt sie mit ihrer Familie in einer noblen Villa in Neuwaldegg unter. Jetzt haben sie Quartier, aber mehr nicht. Nach der Kapitulation deutscher Soldaten quartieren sich die Russen im Haus ein. Alle fürchten sich vor den als unberechenbar geltenden russischen Soldaten. Nur Christine nicht.

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