TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 21. März 2020, von Michael Sprenger: "Es herrscht Stille im Land"

Innsbruck (OTS) - Die Welt steuerte auf ein Burnout zu. Doch dann war alles anders. Ökonomen, die uns von den selbstheilenden Kräften des Marktes erzählten, verstummten. Die Krise werden wir überwinden, die Zukunft braucht noch eine Lösung – eine gute.

Wenn die Welt die Corona-Pandemie überstanden hat, wird sie eine andere sein. Doch wird sie eine bessere sein? Dies wird auch davon abhängen, ob wir alle diese Disziplin an den Tag legen, mit der wir derzeit heran-gehen, die Krise zu bewältigen. Diese Disziplin kann sich dahingehend äußern, jenen Einhalt zu gebieten, die nicht bereit sind, nach der Pandemie von ihrem Weiter-so-wie-bislang-Kurs Abstand zu nehmen. Genau dies wurde uns nämlich schon einmal versprochen, damals, als vor knapp zwölf Jahren der hemmungslose Casinokapitalismus in die große Banken- und Finanzkrise schlitterte. Das kurze Versprechen, den Irrweg zu verlassen, war bald gebrochen. Die Welt steuerte nach der 2008er-Krise weiter fröhlich auf ein Burnout zu. Koste es, was es wolle – Hauptsache Gewinnmaximierung! Jetzt bekommt dieses Koste-es-was-es-wolle eine neue Bedeutung. Eine wohltuende. Es geht auch um Rettung.
Die massenhaften Aufrufe, die Klimakrise endlich ernst zu nehmen, haben bis heute nur Absichtserklärungen bewirkt. Die Auslagerungen von Betriebsstätten in Billigstlohnländer wurden vorangetrieben, obwohl es genügend Stimmen gab, die vor einer neuen Abhängigkeit gewarnt haben. Stattdessen wurde dem autoritären Staatskapitalismus chinesischer Prägung gehuldigt; und zugleich wurde versucht, den liberalen Rechtsstaat westlicher Prägung auszuhöhlen.
Doch plötzlich sorgte das Coronavirus über Nacht dafür, dass der Weltbetrieb auf ein Minimum heruntergefahren werden musste. Es herrscht Stille im Land. Natur und Klima bekommen eine Erholungsphase. Wir alle eine Nachdenkpause.
Wie könnte, sollte die Zukunft nach Corona ausschauen? Es tut gut, wenn jetzt die Ökonomen, die uns jahrelang von den selbstheilenden Kräften des Marktes erzählt haben, sprachlos sind und uns nicht stören. Die Regierungen haben ihre Ideologien auch schon beiseite gelegt. Das Virus kam unerwartet, Regierungen wie die österreichische haben richtig gehandelt. Dies sollten wir auch für die Zeit nach der Krise hoffen. Daseinsvorsorge – vor allem bei der Medikamentenherstellung – muss jedenfalls neu gedacht werden. Die Globalisierung benötigt Korrekturen. Immer und überall verfügbar zu sein, kann nicht länger das allumfassende Lebensprinzip sein. Kann sein, dass dies alles naiv ist, vielleicht utopisch. Doch was soll sonst die Alternative für das Leben nach Corona sein?

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