Analyse "Wenn es an politischem Gespür mangelt" vom 26.02.2020 von Karin Leitner

Innsbruck (OTS) - Von Karin Leitner
Ein ÖVP-Kanzler, der Justizvertreter rüffelt, die Casinos-, die Euro­fighter-Affäre, die türkis-blaue Kassenreform, die kein Plus, sondern ein Minus bringt. Grüne, die ob ihrer neuen Rolle inhaltliche Abstriche zugunsten der ÖVP machen. „Aufgelegtes“ für die oppositionelle SPÖ, mit dem sie politisch wieder Tritt fassen könnte.

Was tut die Chefin der Roten? Sie thematisiert sich selbst – und damit die Probleme ihrer Partei. Und das auch noch vor der für die SPÖ essenziellen Wien-Wahl. Vergangenen Freitag hat Pamela Rendi-Wagner mitgeteilt, bei der Mitgliederbefragung auch die „Vertrauensfrage“ zu stellen. Seither wird öffentlich darüber debattiert.
Der Vorstoß war nicht abgesprochen. Gesinnungsfreunde waren nicht nur überrascht, viele sind verärgert. Paul Stich, Neo-Vormann der Sozialistische­n Jugend, tat im TT-Interview kund, Rendi-Wagner das Misstrauen auszusprechen; „neu aufzustellen“ sei die Partei.
Der Traiskirchner SPÖ-Bürgermeister Andreas Babler und Andreas Schieder, Chef der SPÖ-Delegation im EU-Parlament, der den Wiener Roten entstammt, tadeln Rendi-Wagner ebenfalls coram publico. „Hickhack und Selbstbeschäftigung“ seien „nichts Neues“ für sie, sagt die Parteichefin. Ja was hat sie denn geglaubt? Dass sie die Genossen für diesen Alleingang beklatschen? Dass sie ihre Kritiker damit besänftigt?
Rendi-Wagner hatte es von Anfang an nicht leicht an der Spitze der SPÖ – mangels politischer Erfahrung, Hausmacht und Autorität. Ihr fehlt aber auch etwas, das in dieser Führungsfunktion vonnöten ist:
politisches Gespür. Wäre es vorhanden, hätte sie die Ibiza-Affäre und die Folgen strategisch verwertet, den Dornauers und Doskozils längst gesagt, dass sie den Laden übernehmen sollen, wenn sie besser wissen, wie man ihn führt. Rendi-Wagner kann nun nicht mehr über ihren Abgang entscheiden. Ihr droht, dass sie von den Genossen gegangen wird.

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