TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 12. Februar 2020 von Mario Zenhäusern - „Das darf nie wieder passieren“

Innsbruck (OTS) - Die behördlich angeordnete Keulung von Rotwild zur Vermeidung einer Ausbreitung von Tbc in der Gemeinde Kaisers ist rechtlich gedeckt. Aber nicht alles, was dem Gesetz entspricht, ist auch moralisch vertretbar.

Die Abschlachtung von 33 Stück Rotwild in Kaisers empört Jägerschaft, Dorfbevölkerung und zahllose Unbeteiligte gleichermaßen. Es ist nicht die Tatsache, dass Rotwild in großer Zahl geschossen werden muss, um die weitere Ausbreitung der von den Tieren auf den Menschen übertragbaren Tbc-Seuche zu verhindern, die so aufregt. Es geht um die Art und Weise, wie diese behördlich angeordnete Keulung exekutiert wurde.
Die Tatsache, dass die Tbc-Infektionsrate in Kaisers deutlich über dem Durchschnitt liegt, zumindest fünf der erlegten Tiere tatsächlich Tbc hatten und zwei davon hochinfektiös waren, legitimiert zwar das Eingreifen der Behörde. Daran besteht kein Zweifel. Aber nicht alles, was legitim ist, ist auch moralisch vertretbar. Im Gegenteil: Für das jedem Tierwohlgedanken zuwiderlaufende Gemetzel im Reduktionsgatter lassen sich keine beschwichtigenden Argumente finden. Der Landesjägerverband spricht von einem Rotwild-Massaker und fordert Konsequenzen. Die Landespolitik verteidigte die gewählte Vorgangsweise zuerst, ruderte dann aber zurück und will diese Form der Wildreduktion jetzt verbieten. Wenigstens in diesem Punkt sind sich alle einig: Das darf nie wieder passieren!
Die Jagdberechtigten in Kaisers hätten das Tierleid übrigens verhindern können, hätten sie die vorgegebenen Abschusszahlen erfüllt und so das Übertragungsrisiko minimiert. Sie haben das, ähnlich wie im benachbarten Steeg, nicht gemacht. Dort wurden vor Jahren ebenfalls Tiere gekeult. Auch das ist Tatsache. Leider.
Jagd, Forst und Behörde sind sich in Tirol schon lange nicht mehr grün. Die einen reden von überhöhten Abschussvorgaben, die anderen behaupten, dass das Wild – und hier insbesondere die Geweihträger – regelrecht angefüttert wird, um dem Jagdgast immer und jederzeit eine sichere Trophäe anbieten zu können. Und dann sind da auch noch die Förster, die aus­ufernden Wildverbiss beklagen und diesen auf den ihrer Ansicht nach zu hohen Wildbestand zurückführen. Diskrepanzen, die Mensch und Wild das Leben in den Tiroler Wäldern zunehmend erschweren.
An dieser grundsätzlichen Problematik ändert die Diskussion über das Gemetzel in Kaisers nichts. In einigen Revieren lebt noch immer zu viel Rotwild. Und der eine oder andere Abschussplan ist unrealistisch. Hier sind alle Verantwortlichen gefordert. Das Hickhack zwischen Jägern, Förstern und Behördenvertretern nützt niemandem. Am wenigsten dem Wild, wie die grausamen Bilder aus Kaisers belegen.

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