Leitartikel "Kalte Füße vor der Gletscherehe", 17.1.20, Peter Nindler

Innsbruck (OTS) - Die (schwarz-grüne) Politik, eine sensibilisierte Zivilgesellschaft und die Umweltgerichtsbarkeit denken schon viel weiter als das vorliegende Projekt für die Gletscherehe Pitztal/Ötztal. Daran sind die Seilbahnbetreiber vorerst gescheitert.

Von Peter Nindler
Zuletzt hatte sich der geplante Zusammenschluss der Skigebiete am Pitztaler und Ötztaler Gletscher selbst überholt. Vieles passt nicht mehr zusammen: das Ausmaß mit alleine 64 Hektar Pisten, die Eingriffe in das Landschaftsbild, der vom Klimawandel beeinflusste Rückgang der Gletscher und die Einstellung der Öffentlichkeit zu touristischen Großprojekten. Wenn noch dazu Berggrate in Zeiten des geforderten „einen Gang zurückschalten“ für Seilbahnen abgetragen werden, stellt sich zwingend die Frage nach dem richtigen Augenmaß für die Natur-und Kulturlandschaft in Tirol.
Alles zu verteufeln, wäre trotzdem zu einfach, schließlich nehmen die Betreiber 132 Millionen Euro in die Hand. Andere Seilbahnkaiser würden zuerst auf öffentliche Förderungen pochen, bevor sie überhaupt einen Liftsessel bestellen. Doch investieren ist das eine, mit der Natur zu wirtschaften das andere. Aber darauf müssen Touristiker und Seilbahner in Zukunft mehr denn je achten, Stichwort Tourismusgesinnung. Zugleich steigen Achtsamkeit bzw. Sensibilität der Zivilgesellschaft und der NGOs. Freilich sollten sie nicht gleich in eine Schnappatmung verfallen, die bei jeder Weiterentwicklung im heimischen Tourismus ausschließlich negative Auswirkungen einsaugt. Wie Pitztal/Ötztal, und in welcher Form auch immer, überhaupt noch flottgemacht werden kann, wird keine Frage von Wochen, vielmehr von Monaten sein. Möglicherweise von Jahren. Eines lässt sich aus den jüngsten Diskussionen über Ausbauvorhaben in Skigebieten allerdings ablesen: Die Erschließung des Piz Val Gronda war das letzte Projekt, das die Politik 2012 aktiv mit einem Federstrich abgesegnet hat. Beim Brückenschlag Schlick-Axamer Lizum wurde die Landespolitik massiv in die Pflicht genommen, doch sie hat den Naturschutz (Ruhegebiet Kalkkögel) nicht gebeugt. Die Verbindung Kappl-St. Anton scheiterte bei den Höchstgerichten. Die Landespolitik, sprich die tonangebende ÖVP mit Tourismusreferent und Landeshauptmann Günther Platter, verhielt sich zwar wohlwollend, mischte sich letztlich aber nicht ein.
Die Schwarz-Grün-bedingte Passivität der Politik sowie die geänderte Spruchpraxis der Umweltgerichtsbarkeit haben neue Realitäten geschaffen. Die viel diskutierten Belas­tungsgrenzen im Freizeitangebot und ihre Folgen sind schon längst in die politische und rechtliche Bewertung eingeflossen. Pitzta­l/Ötztal hinkt da noch hinterher, auch deshalb erfolgte jetzt die Notbremsung vor dem umweltpolitischen Schutzweg.

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