„Mit Mut und Zuversicht“: Neujahrsansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen

Wortlaut der Ansprache

Wien (OTS) - (1. Was war)

Einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren.

Es ist kaum zu glauben, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist. Und was für ein Jahr das war! Ein ungewöhnliches, ein herausforderndes, ein überraschendes.

Für mich hat sich in all den unvorhersehbaren Ereignissen und Erschütterungen, die uns jetzt in den Jahresrückblicken wieder begegnet sind, vor allem eines gezeigt: Wie wichtig es ist, auch im scheinbar größten Durcheinander Gelassenheit, Mut und Zuversicht zu bewahren. Denn gerade, wenn man nicht weiß, wie es morgen weitergehen wird, ist die Gefahr groß, überzureagieren, aufzugeben und die Dinge einfach geschehen zu lassen.

Aber die Kunst ist nun einmal, sich dort, wo manche nur die dunkle Nacht sehen, auf die Sterne zu konzentrieren. Und zu wissen: Die sind der Vorbote des nächsten Tages. Und wir sind ja nicht allein. Wir haben einen hellen Fixstern, der uns Orientierung und Anleitung gibt:
das ist unsere Bundesverfassung. - Und wir haben einander.

(2. Was wir erreicht haben)

Meine Damen und Herren!
Mit Mut und Zuversicht sind wir gut durch das vergangene Jahr gekommen. Dinge, auch positive, sind geschehen, die viele vorher für unmöglich gehalten haben: Wir haben die erste Bundeskanzlerin der Republik gesehen. Davor eine Woche, eine(!) Woche mit zwei verschiedenen Kanzlern erlebt. Wir haben schließlich ein neues Parlament gewählt. Und ich bin zuversichtlich, dass sich der Kreis in absehbarer Zeit schließt: Wir werden bald eine neue Bundesregierung haben, die sich den anstehenden Aufgaben widmen wird.

Wenn wir später einmal zurückblicken, sollten wir uns daran erinnern, dass es einmal mehr unser Mut und unsere Zuversicht waren, die uns weitergebracht haben. Sie sind Bestandteile des im besten Sinne Österreichischen.

(3. Was uns erwartet)

Aber nach den Rückblicken sollten wir möglichst bald wieder nach vorne blicken. Denn vor uns als Gesellschaft, vor uns als Österreich, als Europa ja, vor uns als Menschheit, liegen große Aufgaben. Wir alle erleben die Veränderung des globalen Klimas. Viele von uns waren letztes Jahr mit Naturkatastrophen konfrontiert. Auch bei uns in Österreich. Wir spüren die Veränderungen in unserem Alltag. Wir sehen das nahezu jeden Tag.

Zur Klimakrise kommen weitere große Herausforderungen: Wie werden wir künftig arbeiten? Welche Antworten geben wir in Österreich auf die Digitalisierung? Wie soll sich unser Wirtschaftsstandort entwickeln? Wie gehen wir mit Migration um? Und was tun wir, um Frauenrechte zu stärken? Haben wir ausreichend darüber nachgedacht, das Nötige im Bildungsbereich anzugehen? Welche Reformen sind im Gesundheits- und Sozialsystem notwendig, um soziale Sicherheit und sozialen Zusammenhalt für die Zukunft zu gewährleisten?

Wie halten wir unsere Werte, die Europa groß und erfolgreich gemacht haben, auch in Zeiten des Populismus und der vereinfachten Botschaften hoch? Wie sichern wir die Grund- und Freiheitsrechte auch für die nächsten Generationen?

(4. Was wir können)

Manche Menschen mögen sagen: „Das ist alles zu komplex. Was soll ich als kleiner Hansl schon ändern an so großen Dingen. Und was kann ein kleines Land wie Österreich angesichts von Veränderungen im Weltmaßstab schon ausrichten?“ - Und da ist ja was dran…

Die Gefahr ist groß, einfach zu resignieren und die Dinge geschehen zu lassen. Aber sehen Sie: Die Kunst ist nun einmal, sich dort, wo manche nur die dunkle Nacht sehen, sich auf die Sterne zu konzentrieren. Und wenn wir das tun, dann fällt uns plötzlich auf, dass es viele, viele Menschen gibt, die sich für unsere Zukunft einsetzen und daran glauben, dass es einen nachhaltigen ökologischen Wandel geben kann. Dass viele hilfreiche technologische Entwicklungen bereits jetzt existieren. Sie werden Teil der Lösung sein, den Menschen zugutekommen und unser aller wirtschaftlichen Erfolg sichern.

Besonders viele Kinder und Jugendliche stellen ihre Energie und Kraft in den Dienst unserer gemeinsamen Zukunft. Sie nehmen mutig ihre Zukunft in die Hand. Danke dafür!

Wenn wir den Blick für das Positive schärfen, dann fällt uns auf, dass wir als Land nicht alleine und isoliert auf der Welt sind. Sondern Teil unserer gemeinsamen Europäischen Union. Ich möchte an dieser Stelle erinnern: Heute, am 1. Jänner 2020, ist unsere Heimat seit einem Viertel-Jahrhundert Mitglied der Europäischen Union.

Gemeinsam statt einsam! Das war das Motto beim EU-Beitritt Österreichs. Und es gilt heute genauso! Wir sind in der Weltpolitik nicht fähig, unsere österreichischen Interessen allein zu vertreten. Weder umwelt- und wirtschaftspolitisch, noch außen- oder sicherheitspolitisch kann Österreich ohne die EU seine Interessen wirksam durchsetzen.

(5. Was wir tun müssen)

Diesen konstruktiven Blick wünsche ich mir auch von unserer kommenden Bundesregierung. Sie wird ihn brauchen, um Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden. Gemeinsam mit den anderen ins Parlament gewählten Parteien.

Meine Damen und Herren,
schärfen wir unseren Blick für das Positive. Dann sehen wir, dass es eigentlich gar kein so großer Sprung ist, den wir bewältigen müssen. Sondern, dass wir all die Dinge, die jetzt schon gut sind, nur fördern und verstärken müssen. Wir gehen einfach nur Schritt für Schritt für Schritt auf diesem Weg weiter.

Wir kriegen das schon hin. Mit Mut und Zuversicht!

Ich wünsche Ihnen allen ein gutes Neues Jahr!

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