Leitartikel "Überfälliger Schlussstrich" vom 07.12.2019 von Mario Zenhäusern

Innsbruck (OTS) - Die FPÖ taumelt seit Wochen von einem Strache-Skandal zum nächsten. Jeder für sich böte Munition für ein Aus­schluss­verfahren wegen parteischädigenden Verhaltens. Warum die blaue Spitze dennoch zögert, ist unverständlich.

Von Mario Zenhäusern
Seit mehr als einem halben Jahr, exakt seit dem 17. Mai um 18 Uhr, hält Heinz-Christian Strache Österreich in Geiselhaft. Seine indiskutablen Aussagen im unsäglichen Ibiza-Video, sein lockerer Umgang mit Spesen und zuletzt aufgetauchte Fotos von mit Banknoten vollgestopften Sporttaschen zeichnen ein katastrophales Bild von der heimischen Innenpolitik. Eines von Maßlosigkeit, dreister Selbstbedienung und grenzenloser Selbstüberschätzung.
Völlig ohne Not verschärft wird dieser traurige Befund, der das Renommee Österreichs in aller Welt beschädigt, durch die anhaltende Tatenlosigkeit der neuen Spitze bei den Freiheitlichen. Die selbst ernannte Saubermann-Partei ist seit Wochen nicht in der Lage, in den eigenen Reihen für klare Verhältnisse zu sorgen. Obwohl immer mehr belastende Details aus den Ermittlungsakten ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, obwohl die FPÖ seit Wochen von einem Strache-Skandal zum nächsten taumelt, von denen jeder für sich Munition für ein Ausschlussverfahren böte, zögert Parteiobmann Norbert Hofer, dem einstigen Frontmann endgültig den Sessel vor die Tür zu stellen.
Was ist der Grund für diese Haltung, die je länger, je mehr nervt? Ist es die Scheu, einen Politiker zu sanktionieren, der die Freiheitlichen am absoluten Tiefpunkt übernommen und zu Rekordwerten geführt hat? Ist es die Furcht vor einem möglichen Shitstorm der zahlenmäßig starken Strache-Treuen? Oder ist es die Ungewissheit, ob die FPÖ ohne Strache überhaupt weiterbestehen kann? Die Angst vor einem politischen Comeback Straches mit einer eigenen Liste wird es wohl nicht sein. Das ist nämlich ohnedies zu erwarten: Der suspendierte Parteichef hat ja bereits durchblicken lassen, dass der „komplette Rückzug aus der Politik“ nicht so endgültig ist wie von ihm selbst noch wortreich angekündigt.
Wie auch immer: Ausgerechnet der Chef jener Partei, die sich vollmundig für den „kleinen Mann“ einzusetzen versprach, ist über seine Gier und Großmannssucht gestolpert. Das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Mit ihrem Zurückscheuen vor dem überfälligen Ausschluss spielen die Verantwortlichen in der FPÖ ihren politischen Konkurrenten in die Hände. Vor allem im Burgenland und in Wien, wo im kommenden Jahr Landtagswahlen auf dem Programm stehen. In der Bundeshauptstadt hatten sich die Blauen viel erwartet. Mit jedem Tag, den das Strache-Theater länger andauert, lösen sich die früher tatsächlich vorhandenen Chancen mehr und mehr in Luft auf.

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