Leitartikel "Russische Eröffnung: Dame schlägt Bauer" vom 06.12.2019 von Florian Madl

Innsbruck (OTS) - Die stolze Sportnation Russland blickt im Zuge ihrer Dopingaffäre dem nächsten Olympia-Ausschluss entgegen. Politiker weisen die Schuld von sich, vom Internationale Olympische Komitee kommt ein unmissverständliches „Jein“.

Von Florian Madl
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kommentiert einen im Raum stehenden vierjährigen Bann Russlands erst dann, wenn sich die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) am Montag dazu geäußert hat. So kann man sich Mikado auf höchster Ebene vorstellen: Wer sich zuerst bewegt, der verliert.
Beim Thema Staatsdoping – und die Faktenlage lässt keinen anderen Schluss zu–, verhält sich das mittlerweile einschlägig amtsbekannte Russland wie bei seinem Nationalspiel Schach: Ein Bauer, also ein Funktionär der unteren Ebene, wird für das große Ganze geopfert – ein Anflug von tätiger Reue. In der Folge darf die Dame, zumeist der Sportminister, zum Gegenangriff blasen und internationales Bashing monieren. Dabei sprechen Hunderte manipulierte Dopingproben eine klare Sprache.
Schon vor den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro und den Winterspielen 2018 in Pyeongchang hatte man von der Staatsspitze abwärts Besserung gelobt. Whistleblower wurden zeitgleich verunglimpft und als Personen mit Rachegedanken abgestempelt. Aber die Reagenzglas-Realität sieht nun einmal anders aus, das ist Naturwissenschaftern bewusst, nicht aber den Sportverantwortlichen des Landes. Und je mehr sich der 9. Dezember 2019 nähert, der Tag der Entscheidung, umso mehr bemühen die Verantwortlichen die Brachial-Rhetorik aus der Zeit des Kalten Kriegs: Russland solle aus dem Weg geräumt werden, heißt es da.
Die PR-Strategie ähnelt jener des Jahres 2018: erst Besserung geloben, dann zum verbalen Gegenschlag ausholen und sich im Anschluss beleidigt mit der Rolle seiner Athleten unter neutraler Flagge abfinden. So müsste es der Chronologie zufolge auch am kommenden Montag passieren, wäre da nicht das Internationale Olympische Komitee. Das aber unternimmt alles, um es sich nicht mit Staatspräsident Wladimir Putin zu verscherzen. Und Schützenhilfe leistet ausgerechnet die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), jene Institution also, die über den Ausschluss zu entscheiden hat. Denn von der Entscheidung, vorerst auf Sportgroßereignisse in Russland zu verzichten, ist die Fußball-EURO 2020 (ein Spielort St. Petersburg) ausdrücklich ausgenommen. Die EM sei ein „regional-kontinentales“ Einzelsportereignis, heißt es seitens der WADA. Bei dieser Argumentation fällt es einem schwer, den sportlichen Entscheidungsgremien Vertrauen zu schenken.

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