Zeitgeistiges „dokFilm“-Doppel: Premieren „Wiener Zeitgeist – Aufbruch in die 80er“ und „Schumanns Bargespräche“

Am Sonntag, dem 8. Dezember, ab 23.05 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Ganz viel Zeitgeist verströmt der „dokFilm“ mit zwei Dokupremieren am Sonntag, dem 8. Dezember 2019, ab 23.05 Uhr in ORF 2: So beleuchtet die neue, von Alexandra Venier gestaltete ORF-Koproduktion „Wiener Zeitgeist – Aufbruch in die 80er“ das Jahrzehnt, in dem sich Wien als Weltstadt neu erfand. Danach erzählt auch der Dokumentarfilm „Schumanns Bargespräche“ (23.50 Uhr) von Marieke Schröder, der den legendären Barbetreiber und König der Barkultur Charles Schumann auf der Suche nach den stimmungsvollsten Bars der Welt und ihren Geschichten begleitet, ein Stück Zeitgeist.

„Wiener Zeitgeist – Aufbruch in die 80er“ (23.05 Uhr)

Wien, Mitte der 1970er Jahre: Eine Stadt in depressiven Grautönen. Die einstmals fünftgrößte Metropole der Welt, geschrumpft auf 1,5 Millionen Einwohner/innen, scheint sich auf direktem Weg in die Bedeutungslosigkeit zu verabschieden. Und dann, am Ende des Jahrzehnts kommt etwas auf, das mit einer pulsierenden, kunstaffinen Szene und dem Begriff „Zeitgeist“ zu tun hat. Mit einem Mal gehen in bunten Neonfarben die Lichter in einer Unzahl gestylter In-Lokale auf. Wien wird modisch, eine so genannte Szene entsteht, hedonistisch und konsumorientiert. Mode bekommt eine ebenso politische wie internationale Note, mit Falco oder Hansi Lang boomt eine neue Musikszene, Kunst und Werbung gehen eine Symbiose ein.

Divine, die prallste aller Drag Queens tritt auf und auch die noch völlig unbekannte Sade Adu – später wollen alle bei ihrem Konzert im Keller des neuen Szenetempels U4 dabei gewesen sein. Dort steht Conny de Beauclair vor der Tür, hinter dem Tresen führt Marianne Kohn (heute Besitzerin der Wiener „Loos Bar“ und in der anschließenden Doku „Schumanns Bargespräche“ ebenfalls zu sehen) ein strenges Regiment: „Ich habe einen Preis als grantigste Barfrau Wiens bekommen“, erklärt sie nicht ohne Stolz im Film, „und das beste Trinkgeld“. Musikalisch geht in jenen Jahren alles schnell: Minisex fahren mit dem Auto, Blümchen Blau plärren einen Klassiker von Hans Albers, Falco spielt Bass und probiert so lange neue Frisuren aus, bis die Brillantin’ brutal glänzt und ihm ganz Wien zu Füßen liegt. Was war Anfang der 1980er geschehen, dass sich die Stadt aus ihrer eigenen Provinzialität hievte und in der City die lodenbemäntelten Regimenter von jungen Partypeople verdrängt wurden? War es so etwas Profanes wie der U-Bahn-Bau, der wie ein Turbo wirkte? Bestimmt hat auch die vor 40 Jahren gegründete Zeitschrift „Wiener“ – das neue Zentralorgan des Zeitgeists – am neuen Selbstwertgefühl mitgewirkt. Abgekupfert von Andy Warhols Magazin „Interview“ wurden die ersten Nummern im größenwahnsinnigen X-Large-Format verlegt. Nach vier Ausgaben ging das Projekt pleite und wurde alsbald als „Zeitschrift für Zeitgeist“ neu gegründet.

Regisseurin Alexandra Venier hat für ihren Film tief in den ORF-Archiven gegraben und eine prominente Riege zeitgeistiger Zeitgenossen interviewt. Zu Wort kommen unter anderen Starfotografin Elfie Semotan, Architekt Wolf D. Prix, die Gastronomen Marianne Kohn, Hanno Pöschl und Ossi Schellmann, die Musiker Rudi Nemeczek, Alexander Goebel und Götz Schrage, sowie der ehemalige „Wiener“-Chefredakteur Markus Peichl. Entstanden ist ein filmisches Brevier durch die Mode-, Party- und Musikszene jener Jahre, als sich Wien als Metropole neu erfand.

„Wiener Zeitgeist – Aufbruch in die 80er“ ist eine Koproduktion von ORF, 1000 Rosen Film und Gasoline, gefördert von Filmfonds Wien.

„Schumanns Bargespräche“ (23.50 Uhr)

Einer der Könige der Barkultur – Philosoph, Dompteur, Therapeut und Lifestyle-Testimonial – ist Charles Schumann. 1982 gründete er eine der bis heute besten Bars der Welt in München, vor vielen Jahren schrieb er das Cocktailbuch-Standardwerk „American Bar“ – bis heute ein Klassiker, der weltweit die Menschen inspiriert. Schumann hat viel gesehen und vieles verstanden. Aber er sucht weiter. Und Regisseurin Marieke Schroeder begleitet ihn auf seiner Suche nach den interessantesten Bars u. a. in New York, Tokio, Paris, Havanna und – speziell für die ORF-Fassung des Films – in Wien. Mit jeder Bar erzählt die Produktion auch ein Stück Zeitgeist. Jede Bar, so klassisch sie auch sein mag, verrät etwas über ihr Alter. Bilder an den Wänden berichten etwas über die Gäste und ihre Geschichten.

Was ist eine gute Bar keinesfalls? Ein Ort, an dem man Alkohol schüttet, damit einem möglichst schnell schwindelig werde. Was hingegen zeichnet eine gute Bar aus? Dass sie als Beichtstuhl dienen kann. Dass man dorthin allein gehen kann, ohne sich einsam zu fühlen. Dass Spirituosen in Maßen genossen tatsächlich auch den Geist beflügeln können. Dass eine Bar nicht unbedingt ein Ort für Frauen sei, gab Schumann vor einem Jahrzehnt in einem Interview mit dem Playboy zu Protokoll. Das brachte ihm anlässlich einer Preisverleihung zuletzt wieder heftige Sexismus-Vorwürfe ein. Regisseurin Marieke Schroeder, die mit Charles Schumann zwei Jahre lang die halbe Welt bereiste, meinte indes, er sei der am wenigsten sexistische Mann, den sie kenne.

Die Reise für „Schumanns Bargespräche“ führte u. a. in das „Dead Rabbit“ in New York, in die „Bar Hemingway“ in Paris, das „El Floridita“ in Havanna, das „High Five“ in Tokio und in die „Loos Bar“ in Wien. Mit deren Besitzerin Marianne Kohn (also sehr wohl ein Ort für Frauen) unterhält sich Schumann ebenso wie mit Barbetreiber Erich Wassicek und der Autorin Lydia Mischkulnig.

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