TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 29. November 2019 von Peter Nindler "Amateurhaft und nicht WM-reif"

Innsbruck (OTS) - Die Mehrkosten für die Nordische WM in Seefeld sind großteils nachvollziehbar. Allerdings offenbaren sie scho-nungslos die Schwäche der Tiroler Politik. Vieles wird zuerst kleingerechnet, weil der Mut zur Kostenwahrheit fehlt.

Die Mehrkosten für die Sportinfrastruktur bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft in Seefeld picken. 2,7 Millionen Euro mussten zusätzlich aufgewendet werden, rund 500.000 Euro davon sind nicht der WM zuzurechnen. Der Rest entfällt auf die Baukostensteigerung, die in der Hochkonjunkturphase am Bau einfach zu gering einkalkuliert wurde. Im Prinzip kein großes Malheur, allerdings symptomatisch für die Vorbereitung von Sportgroßveranstaltungen oder öffentlichen Infrastrukturvorhaben in Tirol. Schließlich bewegt sich die Landespolitik schon seit Jahren im Spannungsfeld zwischen Kleinrechnen und verkorksten Ziel- bzw. Endkosten.
Mit dem beschwichtigenden „Kost’ ja eh nicht so viel“ beginnt bei den angestrebten Sportevents meist der „Black Friday“, die Rabattschlacht um Meter, Punkte und Sekunden. In Seefeld waren es 2014 rund 16,5 Mio. Euro. Heuer rechnen die Seefelder die Baukosten schlussendlich mit stolzen 30,7 Millionen ab. Dass sie damit in einen Strudel von Erklärungs- und Rechtfertigungsbedarf geraten, versteht sich von selbst. Weil das Infrastruktur-Budget der WM bereits davor ständig nach oben lizitiert werden musste, kehrten die Verantwortlichen mögliche weitere Preissteigerungen, auch durch unvorhergesehene bauliche Maßnahmen, unter den Tisch. Das war amateurhaft und keineswegs politisch WM-reif.
Trotzdem sollte sich der Bund bei der Aufteilung der Zusatzkosten nicht zieren. Denn zu viele „Very Important Person(s)“ aus der Bundespolitik – vom Bundespräsidenten abwärts bis zu Ex-Ministern und -Ministerinnen – sonnten sich in der perfekt organisierten Weltmeisterschaft am Seefelder Plateau.
Die zweite Baustelle betrifft Projekte der öffentlichen Hand, die an der Glaubwürdigkeit der Politik massiv rütteln. Die Kostenexplosion für die neue Patscherkofelbahn in Innsbruck auf 80 Millionen Euro symbolisiert das Totalversagen der Politik, das der ehemaligen Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer als Hauptverantwortlicher zu Recht umgehängt wird. Aus dem schleichen sich ihre einstigen Koalitionspartner Grüne, ÖVP und SPÖ freilich klammheimlich davon, weil sie nicht politisch gefressen werden wollen. Nur: Oppitz-Plörer ist weder der böse Wolf allein auf weiter Flur, noch sind die anderen die schwarz-rot-grünen Geislein. Der im Vorjahr gestoppte Bau der unternehmerischen Hochschule MCI in Innsbruck passt ebenfalls ins Bild.
Wenn die Tiroler Politik bei Sportveranstaltungen oder Bauvorhaben schon „hier“ schreit, muss sie auch die Kosten im Blick haben. Nicht amateurhaft, sondern WM-reif.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001