„Menschen & Mächte“-Doku „Lebensborn, die vergessenen Opfer“ am 7. November um 22.30 Uhr in ORF 2

Im Rahmen des ORF-Zeitgeschichteschwerpunkts zu Novemberpogromen und 80 Jahre Zweiter Weltkrieg

Wien (OTS) - Die Zuchtanstalten der „arischen Kinder für den Führer“ – damals „Lebensborn“ genannt – waren von karitativen Einrichtungen, wie damals propagiert, weit entfernt. Sie dienten einerseits als „sexual-klinische“ Begattungsinstitute für die Zeugung von „Herrenmenschen“, den Ariern aus dem Labor. Andererseits wurde der von Heinrich Himmler gegründete „Lebensborn“ als Anlaufstelle für die Verschleppung und „Eindeutschung“ mittel- und osteuropäischer Kinder benötigt, aber auch als Geburtsinstitut für die Folgen der Seitensprünge von verheirateten SS-Angehörigen und NS-Funktionären. In der „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Lebensborn, die vergessenen Opfer“ von Robert Altenburger und Andreas Novak kommen am Donnerstag, dem 7. November 2019, um 22.30 Uhr in ORF 2 ehemalige Lebensborn-Kinder aus Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien und Norwegen zu Wort. Denn die Lebensborn-Ideologie breitete sich mit Hitlers Angriffskriegen auch auf die eroberten westeuropäischen Länder aus. Betroffene berichten vom Gefühl der geraubten Identität und der teilweise bis in die Gegenwart reichenden Suche nach ihrer wahren Herkunft.

Die ORF/BR-Koproduktion dokumentiert, welche psychologischen Spätfolgen das für diese Kinder bis weit ins Erwachsenenleben hatte. Etwa für die Wienerin Hilde Strecha, Jahrgang 1943. Sie kam im „Lebensborn“-Heim Wienerwald als uneheliches Kind zur Welt. Ihre Mutter war Aufseherin im Frauen-KZ Ravensbrück. Das wusste Hilde Strecha, die bei ihrer Tante aufwuchs, jahrzehntelang nicht. Fragen nach ihren Eltern blieben unbeantwortet. Letztlich begann sie zu recherchieren und erfuhr die Wahrheit über ihre Herkunft und die Tätigkeit ihrer Mutter: „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“. Auch die heute in München lebende Gisela Heidenreich (Jahrgang 1943) war fast ihr ganzes Leben lang auf der Suche nach ihren Wurzeln. Das aus einem Verhältnis mit einem verheirateten SS-Offizier stammende Mädchen wird vor der Verwandtschaft als „norwegisches Waisenkind“ ausgegeben. Gisela wächst bei der Familie ihrer Tante auf.

Die Dokumentation berichtet auch über die noch fataleren Identitätskrisen, die geraubten Kindern widerfahren sind. Denn mit Beginn des Zweiten Weltkriegs befahl SS-Chef Himmler das Lebensbornkonzept auf die unterworfenen europäischen Länder auszuweiten. Etwa auf Polen. Da wurden blonde und blauäugige Mädchen und Buben, die den abstrusen ideologischen Schönheitsidealen entsprachen, in Heimen und Waisenhäusern gesucht, oft auch einfach geraubt oder den Eltern weggenommen. Danach in „Lebensborn“-Heime verfrachtet und dort „eingedeutscht“. Mit etwa 20 000 polnischen Kindern wurde derart verfahren. Etwa mit Barbara Paciorkiewicz, 1938 geboren. Sie sollte als Vierjährige im Jahr 1942 eines der Opfer dieser „Eindeutschung“ werden: „Wir Kinder durften nur noch deutsch sprechen. Haben wir polnisch geredet, wurden wir geschlagen.“

Der „Eindeutschung“ ging eine Rassenuntersuchung voran, eine Selektion, bestehend aus 21 zu erforschenden Kategorien wie etwa Nasenbreite, Zähne, Haarfarbe, Augenfarbe, Größe oder die Form der Lippen. Kinder, die den Rassenkriterien nicht entsprachen, landeten nicht selten in Todesanstalten wie dem Wiener Spiegelgrund. Geburtsurkunden, Staatsbürgerschaftsnachweise oder andere Dokumente der Kinder aus den „Lebensborn“-Heimen wurden von den Nationalsozialisten oft gefälscht oder vor dem Ende der NS-Herrschaft vernichtet. Das erschwerte oder verunmöglichte meist die spätere Suche nach der wahren Herkunft. Jene geraubten Kinder, die nach Kriegsende aus den Heimen oder der Obhut von Pflegeeltern in ihre mittlerweile fremd gewordene Heimat zurückgebracht wurden, hatten ihre Muttersprache inzwischen verlernt. Hatten sie das Glück, über das Rote Kreuz einen oder beide Elternteile zu finden oder suchten Vater oder Mutter gar erfolgreich nach ihnen, glich das einer Art „emotionalen Stunde Null“, war doch die Erinnerung an die leiblichen Eltern inzwischen verloren gegangen.

Rückfragen & Kontakt:

http://presse.ORF.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRF0007