Identifizierende Berichterstattung über Obsorgestreit verletzt Persönlichkeitsschutz des Kindes

Wien (OTS) - Der Artikel „Bei einer Trennung bleiben Kindesväter auf der Strecke“, erschienen in der „Kronen Zeitung“ vom 14. Mai 2019, verstößt nach Meinung des Senats 3 gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Artikel wird von einem namentlich genannten, getrennt lebenden Wiener berichtet. Seine achtjährige Tochter leide an Allergien und an einer Hautkrankheit, er befürchte ein chronisches Leiden. Obwohl der Wiener ein medizinisches Gutachten bei der Jugendwohlfahrt und beim Pflegschaftsgericht beantragt habe, sei stattdessen ein Sorgerechtsstreit entfacht worden. Laut dem Artikel habe sich das ganze Umfeld von der Mutter einspannen lassen. Nun habe er sich an einen Anwalt gewandt, um „die Causa des (Nicht-)Handelns von Justiz und Jugendamt zu durchleuchten“, zumal durch eine Vereitlung von Besuchskontakten eine Entfremdung herbeigeführt werde. Der Anwalt des Vaters wird im Artikel damit zitiert, dass das mit dem Kindeswohl nicht vereinbar sei.

Die Medieninhaberin gab keine schriftliche Stellungnahme ab und nahm auch nicht an der mündlichen Verhandlung teil.

Der Senat hält zunächst fest, dass das betroffene Mädchen durch die Bekanntgabe seines Alters sowie des Namens seines Vaters und die Veröffentlichung eines Fotos des Vaters für einen gewissen Personenkreis identifizierbar ist. Im Artikel werden Informationen über den Gesundheitszustand des Mädchens preisgegeben und es wird auch angemerkt, dass ein Streit um die Obsorge entfacht worden sei. Dadurch werden der Persönlichkeitsschutz und die Intimsphäre des Mädchens verletzt (siehe die Punkte 5 und 6 des Ehrenkodex).

Eingriffe in den Persönlichkeitsschutz eines Kindes beeinträchtigen dessen Entwicklungsmöglichkeiten. Kinder müssen unbefangen und frei von öffentlicher Beobachtung aufwachsen können, so der Senat weiter. Persönlichkeitsverletzungen sind bei Kindern besonders schwerwiegend, weil sie sich erst zu eigenverantwortlichen Personen entwickeln müssen. Ihre Persönlichkeitsentfaltung kann deshalb leichter und nachhaltiger gestört werden als die von Erwachsenen.

Der Senat bejaht zwar ein öffentliches Interesse daran, dass Medien Personen die Möglichkeit einräumen, behördliches Handeln öffentlich zu kritisieren. Dies reicht nach Ansicht des Senats im konkreten Fall jedoch nicht aus, um einen derartigen Eingriff in die Persönlichkeits- und Intimsphäre des Mädchens zu rechtfertigen. Der Senat weist in diesem Zusammenhang auch auf Punkt 6.2 des Ehrenkodex hin, wonach bei Kindern dem Schutz der Intimsphäre Vorrang vor dem Nachrichtenwert gebührt.

Darüber hinaus enthält der Artikel mehrere Vorwürfe gegenüber der Mutter und der Jugendwohlfahrt bzw. dem Pflegschaftsgericht. Diese Vorwürfe werden im Artikel wiedergegeben, ohne der Mutter und den betroffenen staatlichen Einrichtungen die Möglichkeit zu geben, ihre Standpunkte zu schildern. Dies widerspricht Punkt 2.3 des Ehrenkodex.

Der Senat stellt den Verstoß gegen den Ehrenkodex fest und fordert die Medieninhaberin auf, die Entscheidung freiwillig in dem betroffenen Medium zu veröffentlichen oder bekanntzugeben.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 3 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein selbständiges Verfahren durch. In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.

Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Wolfgang Unterhuber, Sprecher des Senats 3, Tel.: 05-9030-22760

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