Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 16. Oktober 2019. Von Floo Weißmann."Ein Verrat und seine Folgen".

Innsbruck (OTS) - Der von Präsident Trump verfügte Rückzug der USA aus Syrien hat zu einer Machtverschiebung geführt. Die syrische Nachkriegsordnung machen sich nun die Gegenspieler der USA untereinander aus.

Aus der Sicht des US-Präsidenten gibt es in Syrien für Amerika und für seine Wiederwahl nichts zu holen: Sollen sich doch andere darum kümmern. Gegen den Willen seiner Militärs und Diplomaten befahl Donald Trump spontan den Rückzug der US-Soldaten und machte den Weg frei für die angedrohte Offensive der Türkei gegen die syrischen Kurden.
Mit seinem Alleingang hat Trump die Waffenbrüder der USA im Kampf gegen den IS verraten. Als unmittelbare Folge dieses Verrats mutiert nun auch die letzte relativ sichere Region des Bürgerkriegslands zur Kampfzone – samt Massenflucht, Gräueltaten und der Gefahr, dass gefangene Jihadisten freikommen. Eine Woche nach Beginn der türkischen Offensive zeichnen sich nun auch die langfristigen Folgen ab.
Schneller als erwartet hat eine regionale Machtverschiebung eingesetzt. Die Verlierer: Amerika und seine Verbündeten. Die USA haben ihren ohnehin begrenzten Einfluss in Syrien aufgegeben und ihren Ruf als Partner ramponiert. Die Europäer mögen dies lautstark beklagen; doch sie haben es nie geschafft, in Syrien selbst zu einem Faktor zu werden – obwohl sie vom dortigen Geschehen viel stärker betroffen sind als die USA. Wieder einmal rächt sich Europas weltpolitische Abhängigkeit von Amerika. Und auch Israel dürfte sich in seinem Schattenkrieg gegen den Iran auf syrischem Boden alleingelassen fühlen.
Die Gewinner: Syriens Diktator Bashar al-Assad und seine Verbündeten. Der Wes­ten hatte Assad wegen seiner Verbrechen an der eigenen Bevölkerung schon 2011 die Legitimität abgesprochen, 2015 stand er kurz vor der Niederlage. Doch Russland und der Iran hielten Assad an der Macht, die er nun auch wieder in den Norden des Landes ausdehnen kann. Russland verbleibt als einzige Groß- und Ordnungsmacht in Syrien. Alle Akteure in der Region werden in Zukunft im Kreml anklopfen.
Ob sich die Offensive für den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan auszahlt, bleibt offen. Seine Selbstinszenierung als Feldherr kann zumindest kurzfristig die innenpolitischen Probleme überdecken. Aber gegen das neue Bündnis der Kurden mit Assad und Moskau wird er seine militärischen Ziele kaum erreichen. Und die Wirtschaftssanktionen der USA können seine Autorität langfristig weiter aushöhlen.
Mit dem Sanktionskurs gegen die Türkei versucht Trump, vor dem heimischen Publikum das Gesicht zu wahren. Es geht um wahltaktische Schadensbegrenzung. Den Schaden, den sein Verrat im Nahen Osten angerichtet hat, kann und will er nicht mehr beheben.

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