Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 3. Oktober 2019. Von PETER NINDLER. "Vorsätzlich abgewirtschaftet".

Innsbruck (OTS) - Die Gründung einer Flüchtlingsgesellschaft in Tirol war nicht das Problem, vielmehr die Umsetzung. Mit den TSD wurden Schwächen in der Flüchtlingskoordination nicht behoben, vielmehr fortgesetzt. Und die Mitarbeiter zu wenig wertgeschätzt.

Ob die Auslagerung der Flüchtlingsbetreuung in eine eigene Gesellschaft politisch richtig war, bleibt umstritten. Es gibt Argumente für die Gründung der Tiroler Sozialen Dienste, weil es einfacher ist, dort innerhalb weniger Monate 370 Mitarbeiter anzustellen als im klassischen Landesdienst. Denn selbst bis 2014, als sich die Flüchtlingskrise in dieser Dimension noch nicht abgezeichnet hatte, musste sich das Land über fragwürdige Personal-Leasingkonstruktionen in der Flüchtlingsbetreuung rüberretten. Obwohl es damals um maximal 1700 Asylwerber ging und Tirol die Quote zur Unterbringung nur zu 62 Prozent erfüllen konnte. Die Bedenken gegenüber „mehr privat, weniger Staat“ haben allerdings generell und im Besonderen im Sozialbereich etwas für sich.
Die 2015 gegründete Flüchtlingsgesellschaft Tiroler Soziale Dienste (TSD) geriet jedoch nicht wegen der Ausgliederung ins Gerede, sondern weil die Schwachstellen aus der hoheitlichen Flüchtlingskoordination damit nicht beseitigt wurden. Das Personalmanagement hat versagt, die Organisationsentwicklung blieb stecken und die strukturellen Probleme haben sich wie ein roter Faden durch die Gesellschaft gezogen. Klassische Managementfehler gepaart mit politischer Grünäugigkeit der damals zuständigen Soziallandesrätin Christine Baur führten die TSD schließlich an den Abgrund. Auch finanziell. Die Flüchtlingsversorgung hat hingegen funktioniert. Wie bis 2014, doch der Preis war um einiges höher.
Eigentlich sollten die TSD ein Vorzeigebetrieb des Landes sein, doch sie schlitterten in die Krise. Die Mitarbeiter müssen heute noch auf die gerichtlich erkämpfte Erschwerniszulage warten. Man darf gespannt sein, wie lange sich Finanzreferent und Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) noch unzuständig fühlt. Die Bezüge des ehemaligen Geschäftsführers, der für die Misere mit- und hauptverantwortlich war, wurden nämlich in vier Jahren ohne Wimpernzucken um 40.000 Euro brutto erhöht. Die jetzt von der Gebietskrankenkasse festgestellten Nachzahlungen wegen falscher Gehaltseinstufungen sind ebenfalls nicht ohne. Im März 2017 wurde die Geschäftsführung darauf aufmerksam gemacht, statt zu reagieren, nahm sie eine Prüfung in Kauf. Rund 400.000 Euro kostet diese Ignoranz auf Kosten der Mitarbeiter heute das Unternehmen.
Der Untersuchungsausschuss hat erst begonnen, vielleicht bewirkt er bereits während der nächsten Wochen ein Umdenken. Dass nämlich die TSD transparenter und endlich eine Marke werden. Und dass gemachte Fehlentscheidungen auch einen Namen bekommen

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