Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 2. Oktober 2019. Von KARIN LEITNER. "Blaue Hoffnung auf Türkis-Grün".

Innsbruck (OTS) - Konkurrenten sollten die FPÖ ob deren Wahlschlappe politisch nicht abschreiben. Sie wird künftig nämlich wieder das tun, was sie jahrelang geübt hat – Oppositionspolitik machen.

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es gemeinhin. Im Falle der FPÖ ist das widerlegt. Unten war die Partei 1986, als Jörg Haider sie übernahm – mittels Putsch gegen Obmann Norbert Steger. Stetig weiter nach oben führte er sie – mit politischem Kampf gegen das „rot-schwarze System“ und gegen Ausländer. Die 26,9 Prozent bei der Nationalratswahl im Jahr 1999 brachten Regierungsämter. Bergab ging es ebenfalls mit und wegen Haider – Knittelfeld, Spaltung. Unten war die Partei, als Heinz-Christian Strache sie übernahm. Stetig weiter nach oben führte er sie – mit politischem Kampf gegen das „rot-schwarze System“ und gegen Ausländer. Die 26 Prozent im Jahr 2017 brachten Regierungsämter. Bergab ist es ebenfalls mit und wegen Strache gegangen – Ibiza-Video, Spesenaffäre. Auf lediglich 16 Prozent Zuspruch sind die Blauen vergangenen Sonntag gekommen. Verantwortlich für die Schlappe wird der Ex-Obmann gemacht.
Wieder steht ein „Neustart“ an, neuerlich postulieren die Freiheitlichen eine „Wählerrückholaktion“. Politische Gegner sollten nicht darauf setzen, dass diese misslingt, dass es nun vorbei ist mit der Rechtspartei. Die Geschichte könnte sich wiederholen.
Im Nationalratswahlkampf hatten die Blauen mit einer personellen Zwei-Firmen-Strategie zu punkten versucht. Hier der ruhige, konziliante Norbert Hofer, da Herbert Kickl, der Brachialrede-Mann. Der eine ging nachgerade sanft mit dem Ex-Koalitionspartner um – er wollte einen neuerlichen Bund nicht verbauen. Der andere teilte verbal heftig aus gegen die ÖVP; das gefällt der blauen Kern-Klientel.
Nach einem erneuten türkis-blauen Pakt sieht es derzeit nicht aus. Sucht sich ÖVP-Chef Sebastian Kurz tatsächlich einen anderen Partner, wird Schluss sein mit dem Hofer-Kurs. Dann wird Kickl das tun, worin er erprobt ist, was er am besten kann – harte Oppositionspolitik machen.
Eine ÖVP-Grün-Regierung käme dem vormaligen Innenminister zupass. Kurz müsste seine Ausländer- und Sicherheitspolitik revidieren – sie war die koalitionäre Marke von Türkis und Blau. Kickl könnte diese Thematik zurückholen zur FPÖ – und damit auch jene Wähler, die jetzt zur ÖVP gewechselt sind.
Getestet werden kann die neue alte Linie bereits im kommenden Jahr. Wien ist für Kickl der ideale Wahlkampfplatz für sein Leibthema. Und Strache fällt als Konkurren­t dort aus. Der will, wie er beteuert, politisch nicht mehr tätig sein.

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